Spermien und Föten aufgepasst!

In der Schweiz sind total mindestens 30 verschiedene Pestizid-Wirkstoffe zugelassen, die die Sexualfunktion und Fruchtbarkeit bei Mann und Frau sowie die Entwicklung beim Fötus im Bauch der Mutter beeinträchtigen. 12 dieser 30 Wirkstoffe gehören sogar zur höchsten Gefahrenklasse: Chlorpyrifos, Cyproconazol, Flumioxazin, Epoxiconazol, Thiacloprid, Bromadiolon, Oxychinolin oder Triflumizol, Carbetamide, Glufosinat, Propiconazol und Triadimenol. Dazu kommen wohl weitere, zu denen es noch keine Studien gibt.
August 23, 2019
Fausta Borsani

Fausta Borsani /// 2017 gelangten 5‘640 Kilogramm von einem der schlimmsten, in der Schweiz zugelassenen Pestizide über den Ladentisch und in die Umwelt. Es handelt sich um das Fungizid Epoxiconazol[1]. Dieses wird für die Bekämpfung von Pilzen im Getreide und im Zuckerrübenanbau verwendet. Auch in vielen Ländern der EU ist Epoxiconazol noch erlaubt. Allerdings hat etwa die französische Gesundheitsbehörde Anses Pflanzenschutzmittel mit dem Wirkstoff Epoxiconazol bereits verboten[2]. Der Stoff stehe im Verdacht, krebserregend zu sein und könne sich negativ auf die menschliche Fortpflanzung auswirken, er sei gefährlich sowohl für die Menschen wie für die Umwelt[3]. Er ist ja in Wasser und Boden beständig und noch nach Jahren vorhanden. Epoxiconazol ist auf europäischer Ebene bereits seit 2013 und in der Schweiz seit 2015 als sogenannter «Substitutionskandidaten» gelistet[4], der baldmöglichst aus dem Verkehr gezogen werden soll. Dies aufgrund nachgewiesener und vermuteter Wirkungen im Hinblick auf Krebserzeugung, Veränderungen des Erbguts oder Beeinträchtigungen von Sexualfunktion und Fruchtbarkeit. Eine Neuzulassung des Wirkstoffs wäre heute darum gar nicht mehr möglich. Auf was warten unsere Behörden?

Schlechte Spermien und Fehlbildung der Genitalien

Epoxiconazol ist ein endokriner Disruptor[5] für Menschen und andere Säugetiere. Endokrine Disruptoren verändern den Hormonhaushalt und lösen vielfältige Gesundheitsschäden aus.

Zu den negativen Auswirkungen von Epoxiconazol auf die menschliche Gesundheit zählen namentlich sinkende Spermienzahlen und Hodenkrebs bei Männern sowie eine erhöhte Anzahl männlicher Babys, die mit Fehlbildungen der Genitalien geboren werden. Ein grosser Anteil junger Männer (in einigen Ländern bis zu 40 %) weist schon heute eine schlechte Samenqualität auf und ist nur vermindert zeugungsfähig.  Nach einer Genfer Studie erreichen nur 38 Prozent der Schweizer Männer zwischen 18 und 22 Jahren die drei von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) definierten Normwerte diesbezüglich![6]

Gratis Verhütungsmittel

Landwirtschaftliche Produkte, die unter dem Einsatz von Epoxiconazol erzeugt wurden, sind mit Rückständen belastet. Zwar besteht eine Vorschrift zu den maximal zulässigen Rückstandsgehalten. Bei einem derart giftigen Stoff wie Epoxiconazol, bei dem im Prinzip bereits ein einzelnes Molekül Krebs und geringste Mengen Stoffwechselstörungen auslösen können, sind solche «Höchstwerte» aber fraglich. Kriegen wir also mit unserem täglichen Brot auch gleich Gratis-Verhütungsmittel verabreicht? Leider nehmen die Zulassungsbehörden diese Gefährdungen der menschlichen Gesundheit in Kauf.

Ist die Gift-Spritzerei wirklich nötig?

Ist es aus Sicht der Bäuerinnen und Bauern wirklich sinnvoll, einen derart gefährlichen Stoff in die Umwelt und in die Nahrungskette einzubringen? Immerhin ist der Anbau von Bio-Getreide ohne den Einsatz von Pestiziden wie Epoxiconazol problemlos möglich. Schwieriger, aber mit geeigneten Kulturmassnahmen ebenfalls machbar, ist auch der biologische Zuckerrübenanbau[7]. Bessere Hackmaschinen für die Unkrautbekämpfung (das Hauptproblem bei Zuckerrüben), sowie eine geeignete Fruchtfolge, eine gescheite Sortenwahl und eine bessere Züchtung machen Pestizide weitestgehend überflüssig.

Ein Verbot ist dringend nötig!

Ein Verbot solcher wirklich schädlichen Gifte wie Epoxiconazol ist schon lange nötig und würde die Innovation von alternativen Kulturmassnahmen zusätzlich anstossen. Ein sofortiges Verbot wäre auch volkswirtschaftlich sinnvoll, denn die Schäden bei Mensch und Umwelt, die ein solches Gift verursacht, können (noch) nicht eingeklagt werden und sind durch keine Versicherung gedeckt.

Einseitige Studien

Es werden immer wieder neue Schädigungspotentiale von Pestiziden bekannt wie jüngst bei Chlorpyrifos, ein potentes Insektizid, das den Embryo im Mutterleib schädigen kann und deshalb von der EFSA (die Pestizid-Beurteilungsstelle der Europäischen Union) jüngst als fortpflanzungsgefährdend in die höchste Kategorie 1B eingestuft wurde[8]. Dies, nachdem Pestizide mit Chlorpyrifos während 50 Jahren in vielen Ländern unbehelligt auf Früchte, Gemüse, Reben, Kartoffeln etc. ausgebracht werden durften – allein in der Schweiz in einem Umfang von vielen hundert Tonnen. Das zeigt, wie unsicher und einseitig die Zulassungsverfahren sind, die fast ausschliesslich von den Studien der Hersteller bestimmt werden.

[1] Bundesamt für Landwirtschaft BLW, Verkaufsmengen je Pflanzenschutzmittel-Wirkstoff, Stand: 20.03.2019

[2] https://www.actu-environnement.com/ae/news/Anses-interdit-76-fongicides-epoxiconazole-33522.php4

[3] https://www.anses.fr/fr/system/files/PHYTO2018SA0289.pdf

[4] https://www.admin.ch/opc/de/official-compilation/2015/4551.pdf

[5] https://chemicalsinourlife.echa.europa.eu/de/endocrine-disrupters-and-our-health

[6] https://www.nzz.ch/wissenschaft/spermienqualitaet-auch-in-der-schweiz-besorgniserregend-ld.1483593

[7] https://shop.fibl.org/CHde/1172-zuckerrueben.html?ref=1

[8] EFSA, Statement on the available outcomes of the human health assessment in the context of the pesticides peer review of the active substance chlorpyrifos, 31. Juli 2019 (http://www.efsa.europa.eu/en/efsajournal/pub/5809)