Gefährliche Verharmlosung durch Beamte

Jürg Vollmer, Chefredaktor des Fachmagazins «die grüne» beschreibt in einem Blog die gegenwärtigen Auseinandersetzungen um die Überschreitung der Chlorothalonil-Grenzwerte im Trinkwasser als einen «Furz im Wasserglas». Zur Erinnerung: Chlorothalonil gilt als wahrscheinlich krebserregend und wurde in der Schweiz verboten.
März 5, 2020
Fausta Borsani

Jürg Vollmer zitiert einen anonymen «Spezialisten» des Bundesamts für Landwirtschaft und geht mit ihm einig: «Furz im Wasserglas». Das findet der Verein ohneGift sehr geschmacklos: Denn nach dem Bundesamt für Gesundheit sind 30% aller Todesfälle bei Männern und 23% der Todesfälle bei Frauen in der Schweiz durch Krebs bedingt. Pro Jahr erkranken nach Zahlen der Krebsliga Schweiz in der Schweiz mindestens 40’000 Menschen an Krebs. Es dürften mehr sein, da Krebs bisher nicht meldepflichtig war. Knapp die Hälfte dieser Menschen, geschätzte 16’700, sterben daran – pro Jahr. Nur ein «Furz» – wirklich?

Reine Verantwortungslosigkeit
Im gleichen Artikel von Watson zitiert Vollmer weitere Beamte: «Im ganzen Kanton Bern gibt es keine einzige Wasserfassung, bei der man von einem ernsthaften Gesundheitsrisiko sprechen müsste», sagt der Berner Regierungspräsident Christoph Ammann. Und: «Bei uns kann man bedenkenlos in jeder Gemeinde das Wasser aus jedem Wasserhahn trinken», erklärt Alda Breitenmoser, Leiterin des Amtes für Verbraucherschutz im Kanton Aargau, dessen Grundwasser am stärksten belastet ist: «Die Schlagzeilen von der Pestizid-Hölle sind reine Hysterie!».

Vernichtende Risikobeurteilung von Chlorothalonil
Diese Aussagen sind grobfahrlässig. Sie als Beweis für die vermeintliche Harmlosigkeit von Chlorothalonil und seine Metaboliten im Trinkwasser zu zitieren ist verantwortungslos. Denn im Fall von Chlorothalonil hat die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) eine vernichtende Beurteilung abgegeben. Nicht nur stufte sie das Fungizid in die zweithöchste Stufe der Krebserreger (1B) ein, nein sie stellte auch fest, dass Chlorothalonil ein hohes Risiko für Amphibien und Fische darstellt. Vermutet wird das auch für Insekten und andere Lebewesen. Nur eine Vermutung konnte die EFSA anstellen, weil die Hersteller von Chlorothalonil dazu gar keine tauglichen Studien abgeliefert hatten.

Rückstände unbekannt
Dazu kommt, dass nicht klar ist, wie viele Rückstände des Gifts wir mit unseren Lebensmitteln aufnehmen. Jedenfalls bemängelte die EFSA hierzu viel zu viele fehlende Daten zu Rückständen auf pflanzlichen und tierischen Lebensmitteln. Ja, Milch-, Fleisch, Eier sind auch betroffen, weil auch Tiere mit Chlorothalonil haltigem Futter ernährt werden. Wie die EFSA kommt auch das Schweizerische Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen bei seiner Risikobewertung zum Schluss, dass das Hauptabbauprodukt von Chlorothalonil  R182281 möglicherweise die Erbsubstanz verändert. Dieses Abbauprodukt finden wir in unbekannter Menge in pflanzlichen und tierischen Lebensmitteln – und in vielen Grundwasserfassungen!

Gefährliche Haltung
Die europäische Kommission und der Bund folgten der Risikobeurteilung ihrer Fachbehörden und verboten Chlorothalonil in der EU und in der Schweiz. Nebst Syngenta wehrt sich nun auch die Pestizid-Firma Stähler Suisse AG gegen das Verbot des Fungizids Chlorothalonil auf dem Gerichtsweg. Und nun stellen das Verbot sogar die eigenen Beamten des Bundes mit despektierlichen und verharmlosenden Bemerkungen in Frage. Das ist gefährlich.

Quellen:

– Bundesamt für Gesundheit, Krebserkrankungen in der Schweiz, Zahlen bis 2012

– Krebsliga Schweiz, Krebs in der Schweiz: wichtige Zahlen, 2018

– European Food Safety Authority (EFSA),Peer review of the pesticide risk assessment of the active substance chlorothalonil, 2018

– Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen BLV, Relevanzprüfung der Grundwassermetaboliten der Produkte mit dem Wirkstoff Chlorothalonil im Rahmen der (teil-)gezielten Überprüfung, 20192