Neonics rotten Bestäuberinsekten aus

Innerhalb der wissenschaftlichen Gemeinschaft herrscht weit verbreitete Einigkeit darüber, dass Pestizide verheerende Auswirkungen auf Bestäuber wie Bienen, Hummeln, Fliegen, Wespen, Schmetterlinge, Motten, Käfer, Rüsselkäfer, Ameisen und Mücken haben.
Mai 31, 2020
Fausta Borsani

Mehrere Studien bestätigen bereits, dass Neonikotinoid-Pestizide (oder «Neonics»), das Orientierungsvermögen von Bienen und ihre Lernfähigkeit beeinträchtigen und ihr  Immunsystem schwächen.

Bienenlarven durch Neonics geschwächt

Eine Ende Mai 2020 in der Fachzeitschrift Scientific Reports veröffentlichte Studie der Goethe-Universität Frankfurt am Main zeigt nun noch eine weitere Schadwirkung: Neonics beeinflussen das Verhalten von Ammenbienen, die für die Aufzucht der Larven zuständig sind.

Die WissenschaftlerInnen filmten das Verhalten von Honigbienen hinter einem Glasscheiben-Bienenstock. Dabei beobachteten sie ihre Reaktion auf stetige, nicht tödliche Mengen der Neonics Clothianidin und Thiacloprid, die ihnen während drei Wochen mit Zuckersirup verabreicht wurden. Der Insektizid-Wirkstoff Clothianidin ist in der Schweiz seit Ende 2018 nur im Gewächshaus zugelassen, während bei Thiacloprid nach wie vor die Anwendung im Freiland, z.B. im Beerenanbau, erlaubt ist.

Sozialverhalten ist gestört

Die ForscherInnen stellten folgendes fest: Die Ammenbienen fütterten die Larven seltener als vorher und das wiederum bedeutete, dass die Larven erheblich länger brauchten, um sich zu entwickeln – bis zu 10 Stunden länger als bei Bienenstöcken, die den Giften nicht ausgesetzt waren. «Zum ersten Mal konnten wir zeigen, dass Neonics auch das Sozialverhalten von Bienen verändern», sagt Mit-Autor Paul Siefert. Das Pflegeverhalten von Bienen scheint also durch Neonics gestört zu werden, was schon andere Wissenschaftlerinnen vermutet haben. Die neu entdeckten Mechanismen könnten auch erklären, warum Honigbienenvölker, die Neonics ausgesetzt sind, anfälliger für die Varroamilben werden, die sie befallen.

Am meisten leiden Wildbienen und Hummeln unter Neonics

Honigbienen werden vom Menschen gezüchtet und vermehrt. Demgegenüber kann die schwindende Zahl von Wildbienen und Hummeln nicht durch Nachzucht wieder aufgestockt werden. In der Schweiz gibt es rund 615 Wildbienenarten. Davon sammeln etwa 450 Arten Pollen und Nektar für die Nahrung der Larven auf den Blüten und Blumen im (landwirtschaftlichen) Freiland. Schon 1994 standen 45 Prozent der Wildbienen auf der damals erstmals erstellten Roten Liste der Wildbienen. Eine aktualisierte Rote Liste soll im 2021 erscheinen. Es muss Schlimmes befürchtet werden. Denn Neonics kamen erst nach den Erhebungen zur Roten Liste von 1994 auf den Markt.

Quellen:

Paul Siefert, Rudra Hota, Visvanathan Ramesh & Bernd Grünewal, Chronic within-hive video recordings detect altered nursing behaviour and retarded larval development of neonicotinoid treated honey bees, in: Scientific Reports, (2020) 10:8727

https://beyondpesticides.org/dailynewsblog/2020/05/neonics-found-to-impair-honey-bee-growth-and-development-as-epa-re-opens-opportunity-for-public-comment-on-the-bee-toxic-pesticides/ (abgerufen am 31.5.2020)

https://beyondpesticides.org/programs/bee-protective-pollinators-and-pesticides/what-the-science-shows (abgerufen am 31.5.2020)