Pestizide - schuld an der Cyanobakterien-Pest?

Blaualgen werden sie harmlos geheissen, die Cyanobakterien. Sie können sich massenhaft vermehren und sogenannte «Algenblüten» bilden. Bei einer solchen Blüte im Neuenburgersee sind sechs Hunde nach dem Bad gestorben. Pestizideintrag könnte eine Ursache für solche Blüten sein.
August 4, 2020
Fausta Borsani

So etwas hat es in den Juraseen noch nie gegeben, nicht einmal in den 1970er Jahren als das Wasser massiv mit Phosphat und Nitrat überdüngt war. Während die Überdüngung seither stark sank, stieg der Pestizidverbrauch und damit die Gewässerbelastung. Im Bereich der Algenblüte liegt eine Flussmündung, die sowohl Pestizide wie auch Nitrat in den See einträgt. Eine Zusammenfassung von Forschungsarbeiten aus dem Jahre 2016 zeigt: Insbesondere Herbizide und Fungizide können das Wachstum von Cyanobakterien beschleunigen[1]. Eine neue Studie[2] belegt dies für das auch in der Schweiz häufig eingesetzten Fungizid Azoxystrobin, das gegen Pilzkrankheiten im Getreide, Raps, Kartoffel-, Gemüse- und Weinbau verwendet wird.

Nitrat und Pestizide gefährden Gleichgewicht
Warum ist das so? Gewässer bergen – ähnlich wie der Mensch – eine Gesellschaft aus mehreren tausend verschiedenen Mikroorganismen in sich. Sind diese im Gleichgewicht, sind Mensch wie auch Gewässer gesund. Kippt das Gleichgewicht, wird der Organismus, z.B. ein See, krank. Im gesunden Gewässer halten sich Algen und Cyanobakterien die Stange. Cyanobakterien sind hart im Nehmen. Sie halten grössere Mengen an Pestiziden aus. Glyphosat ist für einige sogar eine Leibspeise und dient ihnen als Phosphor-Quelle. Algen sind jedoch zarte Geschöpfe. Sie sterben schon bei Spuren von gewissen Pestiziden. Zudem sind Cyanobakterien sehr gut darin, ihre Konkurrenten auszuschalten, wenn es darum geht, an Nährstoffe zu kommen oder sich so zu positionieren, dass sie viel Licht erhalten. Stimmen für sie die Bedingungen, vermehren sie sich rasant und lassen eine Algenblüte entstehen. Und wenn sie überhandnehmen, wird es gefährlich, denn sie produzieren das hochgiftige Alkaloid Anatoxin A, von dem schon wenige Milligramm tödlich für einen Hund oder ein Kind sind[3].

Algenblüte an der Mündung eines verdreckten Flusses
Eine solche Algenblüte aus Cyanobakterien ist Ende Juli 2020 im Neuenburgersee entstanden und hat sechs Hunden, die im See badeten, das Leben gekostet. Seither ist der Strandabschnitt zwischen der Einmündung des Flusses «Areuse» und dem Weinbaudorf Colombier gesperrt. Der Zusammenhang mit dem von der Landwirtschaft belasteten Fluss Areuse liegt nahe: Die Areuse ist ein verdreckter Fluss aus dem Intensivlandwirtschaftsgebiet. Er bringt mit Sicherheit grössere Mengen Herbizide und Fungizide in den Neuenburgersee und zudem wohl einiges an Nitratdünger[4]. Beides zusammen verleiht den Cyanobakterien richtig Schub.

Auch in anderen Seen Blaualgen in grossen Mengen
Obwohl die grossen Schweizer Seen in den letzten Jahrzehnten nährstoffärmer geworden sind (Klärung der Abwässer, Phosphatverbot in Waschmitteln) bleibt das Problem der intensiven Landwirtschaft mit ihren Umweltgiften. Noch sind die Verhältnisse in der Schweiz nicht mit jenen in den USA, Kanada oder in China vergleichbar, wo sich solche Algenblüten zu periodischen Plagen ausweiten. Aber es droht auch bei uns ein Teufelskreis: Cyanobakterien sind u.a. auch giftig für Fische und Krustentiere, das bedeutet eine Verarmung der Biodiversität in den Seen und eine Verschiebung des Gleichgewichtes ihrer Lebewesen. Bisher sind die Behörden davon ausgegangen, dass der Neuenburgersee gesund sei. Tatsächlich hat es eine solche Algenblüte dort wie auch in den anderen Juraseen noch nie gegeben. Doch die Verhältnisse scheinen sich schweizweit zu verschlechtern. Kürzlich meldete auch der Kanton St. Gallen Blaualgenbestände im Bodensee. Bekannt ist, dass die Blaualge immer wieder in grossen Mengen auch im Zürich-, Baldegger- und Greifensee auftritt. Gegenden, in denen die Intensivlandwirtschaft mit ihrem Pestizid- und Düngereintrag regiert.

[1]  T. D. Harris et al, Do persistent organic pollutants stimulate cyanobacterial blooms?, 2016, https://www.tandfonline.com/doi/pdf/10.5268/IW-6.2.887?needAccess=true (aufgerufen am 4.8.2020)

[2] T. Lu et al. Microbiome, The fungicide azoxystrobin promotes freshwater cyanobacterial dominance through altering competition, 2019, https://doi.org/10.1186/s40168-019-0744-0 (aufgerufen am 3.8.2020)

[3] https://de.wikipedia.org/wiki/Anatoxin_A

[4] https://www.ne.ch/autorites/DDTE/SENE/eaux/Pages/Eaux-de-surface.asp