Pestizide nehmen ländlichen Bewohner*innen den Atem weg

Die Walliser Tageszeitung «Le Novelliste» hat Dutzende von Zeugenaussagen von Anwohner*innen gesammelt, die unter Symptomen einer Pestizidvergiftung leiden, insbesondere unter Atembeschwerden. Die Erfahrungen werden von Ärzt*innen bestätigt.
Oktober 1, 2020
Fausta Borsani

Camille Carron, ein ehemaliger Landwirt in Fully, leidet an Asthmaanfällen. Er ist der einzige, der mit vollem Namen gegen Pestizide aussagt, in einer Region, wo der Wein und die chemische Industrie dominieren. Camille Carron hat Asthmaanfälle, wenn er Pestizide verwendet. Der ehemalige Landwirt hat mehrere Gärten, die er gelegentlich mit Pestiziden behandelt. An diesen Tagen darf er seine Medikamente nicht vergessen. Sein Arzt erklärte ihm, seine Asthmaanfälle würden durch winzige Partikel in der Luft ausgelöst, etwa Staub von Renovierungsarbeiten oder eben Pestizidtröpfchen. Camille Carron ist mehrmals umgezogen, um den Spritzungen und dem unaufhörlichen Lärm der Pestizid-Hubschrauber zu entfliehen.

Heftige Asthmaanfälle

Géraldine[i] ist Krankenschwester in einem Walliser Spital. Seit fünfzehn Jahren lebt sie in einem Weinbaugebiet. Als sie dorthin zog, bekam sie zum ersten Mal in ihrem Leben heftige Asthmaanfälle. Nach vielen Nachforschungen stellte sie fest, dass die Asthmaanfälle immer auftreten, wenn in den Reben neben ihrem Haus gespritzt wird. «Seitdem gehe ich an Behandlungstagen nicht mehr raus, schliesse alle Fenster und nehme das Auto, wenn ich spazieren gehen will. Wenn ich an solchen Tagen abends nach Hause komme, habe ich Atembeschwerden».

150 Zeugen

Géraldine und Camille Carron gehören zu den 150 Einwohner*innen, die in diesem Sommer dem Aufruf der Walliser Zeitung «Le Nouvelliste» gefolgt sind und von Problemen mit den Pestizid-Behandlungen erzählten. Es war das erste Mal in der Schweiz, dass zu diesem Thema eine Befragung stattfand. Die Ergebnisse lassen aufhorchen: Dreiundsiebzig Zeugen berichten über Gesundheitsprobleme. Bei zweiundzwanzig Personen treten die Symptome an den Spritztagen auf und verschwinden danach innerhalb von Stunden.  Sechzehn Personen gaben Atemprobleme wie einen juckenden Rachen, Husten, Nasenentzündung, Nasennebenhöhlenentzündung oder Asthma an. Kopfschmerzen hatten sieben Zeug*innen, Hautprobleme deren zwei, unter Augenreizungen litten fünf Menschen und zweien wurde es einfach übel.

Die trockene Luft des Wallis

Bei 35 weiteren Zeug*innen ist der zeitliche Zusammenhang mit der Behandlung nicht so klar, aber es scheint wahrscheinlich, dass ihre Symptome pestizidbedingt sind. Die meisten Personen, die angaben, unter leichten Symptomen zu leiden, waren deswegen noch nie beim Arzt. Sie haben entweder das Gefühl, es sei nicht nötig oder der Zusammenhang mit den Pestizidspritzungen werde ihnen ohnehin nicht geglaubt. «Ein Allergologe sagte mir, dass es die trockene Luft im Wallis war, die diese Symptome verursachte», sagt eine Frau. «Er erwähnte nie die Möglichkeit, dass meine Symptome mit den Spritzbehandlungen zusammenhängen könnten». Und sie ist nicht die Einzige, der gesagt wurde, die trockene Luft des Wallis sei die einzige medizinische Erklärung. Laut dem Leiter der Abteilung Pneumologie des Walliser Spitals, Pierre-Olivier Bridevaux, ist trockene Luft für Menschen mit Atembeschwerden jedoch eher günstig. «Feuchtigkeit ist häufig mit der bronchialen Hyperreaktivität verbunden, die bei Asthma festgestellt wird».

Anrainer ungeschützt

Bridevaux bestätigt, dass «aus Studien von anderen Ländern, z.B. in Weinbaugebieten in Kalifornien oder Frankreich, der Zusammenhang zwischen Atembeschwerden und Spritztagen dokumentiert ist». Das Risiko von Atemwegserkrankungen sei unter Landwirt*innen bekannt. Die Ärzt*innen der Abteilung Pneumologie des Walliser Spitals befragen die Atemwegspatienten routinemässig nach ihrem Beruf. Ein bekannter Risikofaktor für die Entwicklung von Asthma oder COPD – eine chronische Lungenkrankheit, die Husten und Atemnot verursacht – sei demnach die wiederholte berufliche Exposition gegenüber Pestiziden, erklärt er. «Solche Risiken sind bei Anrainern der Rebberge viel weniger dokumentiert. Einige Studien zeigen, dass die Pestizidbelastung während der Schwangerschaft und von jüngeren Kindern das Risiko erhöht, Atemwegssymptome und Asthma zu entwickeln». Tatsache ist, dass Nachbar*innen von Rebbergen, Obstgärten oder anderen landwirtschaftlichen Kulturen nicht geschützt sind: Es gibt vom Gesetz her keine besonderen Abstände, die der Winzer oder die Landwirtin gegenüber einem Wohnhaus oder privatem Garten einhalten muss.

Quelle: Le Nouvelliste vom 21. September 2020, Marie Parvex

[i] Name anonymisiert