BLW-Strategie für nachhaltigen Schutz der Kulturen 2035 ist verbesserungswürdig

Das Bundesamt für Landwirtschaft (BLW) hat zur Stellungnahme zu seiner «Strategie für einen nachhaltigen Schutz der Kulturen 2035» eingeladen. Die Strategie basiert auf geheimen Studien. Die Massnahmen sind einseitig und fokussieren auf den chemischen Pflanzen-schutz. Der Verein ohneGift fordert Transparenz, eine Überarbeitung und Neuausrichtung der Strategie hin zu einem nachhaltigen Pflanzenbau, der den Schutz von Mensch, Umwelt und Ressourcen in den Mittelpunkt stellt.
Abbildung 1: Viele landwirtschaftliche Kulturen sind mittlerweile auf Notfallzulassungen von Pflan-zenschutzmittel angewiesen. Bild @ohneGift
Abbildung 1: Viele landwirtschaftliche Kulturen sind mittlerweile auf Notfallzulassungen von Pflan-zenschutzmittel angewiesen. Bild @ohneGift

Das Wichtigste in Kürze:

  • Die BLW-Strategie basiert auf geheimen Grundlagen – zentrale Dokumente, auf denen die Strategie aufbaut, wurden nicht veröffentlicht.
  • Die vorgeschlagenen Massnahmen zielen vor allem auf eine vereinfachte Zulassung von Pflanzenschutzmitteln (PSM) und Notfallzulassungen statt auf seriöse Zulassungsprüfungen und giftfreie Methoden.
  • Die Strategie greift zu kurz. Statt echten Schutz für Mensch, Umwelt und Kulturen zu bieten, soll der Weg für noch mehr PSM geebnet werden.

Der Verein ohneGift fordert:

  • eine transparente und faktenbasierte Situationsanalyse,
  • keine weiteren Notfallzulassungen anstelle ordentlicher Zulassungen, 
  • einen viel stärkeren Fokus auf pestizidarme Alternativen und standortangepasste Kulturen,
  • den Aufbau eines Systems zur Identifikation risikoarmer PSM, bei welchen eine vereinfachte Zulassung keine Risiken schafft,
  • Eine Neuausrichtung der Agrarpolitik – aber nicht auf hohe Erträge um jeden Preis.

Die neue Strategie basiert auf nicht zugänglichen Daten und verfehlt ihr Ziel

Mit der Strategie «Schutz der Kulturen 2035» will das BLW sicherstellen, dass Landwirt/-innen ihre Kulturen vor Schädlingen und Krankheiten schützen können – vordergründig zur Sicherung der Ernährungssicherheit. Doch bei genauerem Hinsehen wird klar: Im Zentrum steht nicht die Ernährungssicherheit, sondern die möglichst rasche Zulassung weiterer PSM. Dabei bleibt unklar, wie gross das Problem überhaupt ist, denn das sogenannte «Lückenpapier», auf dem die Strategie basiert, wurde nicht veröffentlicht (siehe Box unten). 

Gleichzeitig wird der Zielkonflikt zwischen Agrarproduktion und Umwelt ausgeblendet – dabei ist gerade dieser Konflikt in der Schweiz besonders ausgeprägt – mit entsprechend hohen Belastungen für Trinkwasser, Biodiversität und Klima.

Transparenz schaffen statt Strategie auf geheime Grundlagen abstellen

Die zentrale Grafik der Strategie, «Gesamtzahl der Lückenindikationen», bezieht sich auf Daten, die nicht zugänglich sind. Eine seriöse Strategie kann aber nur auf überprüfbaren Grundlagen beruhen. Gerade, wenn Massnahmen wie schnellere Zulassungsverfahren (durch Verzicht auf Umwelt und Gesundheitsprüfung) oder Notfallzulassungen angestrebt werden, ist Transparenz erste Pflicht. Auch weitere Quellen für die Strategie waren nicht öffentlich zugänglich.

Die Strategie listet zwölf Massnahmen auf. Elf davon sind heute schon Bestandteil eines nachhaltigen Pflanzenbaus (inkl. Kulturenschutz), oder werden andernorts behandelt (z.B. neue Züchtungstechnologien). Die zwölfte verlangt eine erleichterte PSM-Zulassung. 

Eine Massnahme befasst sich konkret mit der Zulassung neuer risikoarmer Pflanzenschutzmittel – bleibt aber vage. So fehlen Kriterien, wie «risikoarme» Mittel identifiziert und zugelassen werden sollen.

Auch zur Lösung des Pendenzenstaus von 700 offenen Gesuchen für PSM gibt es keine konkreten Pläne. Stattdessen wird auf mehr Notfallzulassungen gesetzt, wo höchstens eine oberflächliche Gesundheit und Umweltprüfung stattfindet – eine Praxis, die nicht nachhaltig ist und den Schutz von Mensch und Umwelt gefährdet. Zudem bleibt offen, wann es sich um einen sogenannten Notfall handelt und eine entsprechende Zulassung gerechtfertigt ist.

Was es jetzt braucht: transparente Verfahren, klare Kriterien und risikobasierte Zulassung

Der Verein ohneGift sieht dringenden Handlungsbedarf auf mehreren Ebenen:

  1. Transparenz herstellen: Die Grundlage jeder Strategie ist eine nachvollziehbare Situationsanalyse. Das geheime Lückenpapier sowie alle weiteren verwendeten Quellen müssen öffentlich zugänglich gemacht werden.
  2. PSM-Zulassung überarbeiten: Die Pendenzen bei der Zulassungsstelle sind nur mit mehr Personal, klaren Kriterien und einem risikobasierten Verfahren lösbar. Der Fokus muss auf der Förderung risikoarmer Mittel (z.B. PSM, die auch für die biologische Landwirtschaft zugelassen werden können) liegen.
  3. Notfallzulassungen zurückfahren: Diese werden zunehmend als Ersatz für ordentliche Zulassungen missbraucht. Es braucht klare Kriterien, wann Notfallzulassungen erfolgen dürfen – mit Fokus auf Umwelt- und Gesundheitsschutz.
  4. Ernährungssicherheit neu denken: Der Schutz der Kulturen soll sich nicht an maximalen Erträgen, sondern an einer nachhaltigen, standortangepassten Produktion orientieren. Viel hilft nicht viel – besonders dann nicht, wenn dadurch das Trinkwasser belastet oder die Biodiversität gefährdet werden.
  5. One-Health-Ansatz verankern: Der Schutz der Kulturen muss in ein Gesamtsystem eingebettet werden, das Mensch, Tier, Umwelt und Klima gemeinsam betrachtet.

Statt kurzfristiger Notfalllösungen braucht es eine zukunftstaugliche Agrarstrategie 

Die aktuelle BLW-Strategie «Schutz der Kulturen» greift zu kurz. Statt echten Schutz für Mensch, Umwelt und Kulturen zu bieten, soll der Weg für noch mehr Pflanzenschutzmittel geebnet werden – auf Basis intransparenter Daten. Der Verein ohneGift fordert eine Neuausrichtung: Es braucht ein nachhaltiges, evidenzbasiertes System mit Fokus auf Gesundheit, Umwelt und zukunftsfähiger Landwirtschaft.

Anbei die Stellungnahme vom Verein ohneGift zur Vernehmlassung Strategie «Schutz der Kulturen 2035».

Wir schreiben selbstständig. Der Verein ohneGift verzichtet auf den Einsatz künstlicher Intelligenz (KI) beim Verfassen von Texten.

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