Wenn Seen ersticken – ein Nährstoffproblem

Zu viel des Guten – Die Nährstoffkonzentrationen sind in vielen Schweizer Seen zu hoch. Algenblüten und miese Lebensbedingungen für Wasserlebewesen sind die Folge. Wie aktuelle und historische Belastungen unsere Gewässerbiodiversität bedrohen.
Ast in See, rote Algenblüten im Wasser
Rötlich-brauner Algenfilm an der Wasseroberfläche des Baldeggersees in 2024. Bild: Solène Schaub

Das Wichtigste in Kürze:

  • Die Nährstoffbelastung mit Phosphor ging in den letzten Jahrzehnten zwar stetig zurück, liegt aber in vielen Gewässern in der Schweiz noch weit über dem Zielwert.
  • Demgegenüber stagnieren die Stickstoffeinträge in die Umwelt und Gewässer (Nitrat, Ammoniak) auf hohem Niveau.
  • Hohe Nährstoffverfügbarkeit macht harmlose Algen invasiv. Andere Wasserpflanzen werden verdrängt und es entsteht Sauerstoffmangel. Dies macht den Wasser-Lebensraum für viele einheimische Arten unbewohnbar und schadet der Biodiversität. Durch die Klimaerwärmung wird das Problem noch verschärft.
  • Es ist wichtig, dass die Nährstoffeinträge weiter gesenkt werden – dies gilt für Phosphor ebenso wie für Stickstoff.
  • Massnahmen müssen primär bei der Landwirtschaft und den Abwasserreinigungsanlagen ansetzen, über welche am meisten Nährstoffe in Oberflächengewässer gelangen.

Der Verein ohneGift fordert:
Bund und Kantone müssen endlich dafür sorgen, dass die Stickstoff- und Phosphoreinträge in Gewässer auf ein naturverträgliches Mass gesenkt werden.  

Aquatische Organismengruppen umfassen in der Schweiz den grössten Anteil an Arten, die als ausgestorben oder vom Aussterben bedroht eingestuft werden. Das rührt daher, wie Oberflächengewässer seit dem Beginn der Industrialisierung (vor 150 Jahren) behandelt werden: bauliche Eingriffe in Gewässer, Stauanlagen und dergleichen sowie Gewässerverschmutzungen setzen der Lebensraumqualität stark zu.[1] Zu letzteren zählen auch die Pflanzennährstoffe Phosphor (als Phosphat PO43-) und Stickstoff (als Nitrat NO3 oder Ammoniak NH3/Ammonium NH4+). In zu hohen Konzentrationen bewirken diese, starkes Algenwachstum (Eutrophierung, siehe Box). In der Folge sinkt die Biodiversität und es entstehen unappetitliche Gewässer, in denen niemand schwimmen mag.[2]

Eutrophierung – was bedeutet das genau?

Eutrophierung (Griechisch eu trophos «gut genährt») bezeichnet einen Zustand, in dem in einem Gewässer wegen zu hoher Nährstoffverfügbarkeit übermässiges Pflanzenwachstum (meist einzellige Algen) in den lichtreichen oberen Wasserschichten stattfindet. Dies kann in Seen, Meeren und Fliessgewässern vorkommen.[2]

Hauptquellen von Stickstoff und Phosphor sind Landwirtschaft und Abwasser

Die Schweiz ist Nettoimporteurin von Phosphor. Seit 15 Jahren liegen die jährlichen Zufuhren bei rund 14’000 t. Fast die gesamte Menge kommt mit Futtermitteln für Tiere (2022: 68%) und Dünger (2022: 30%) ins Land. Rund 9’000 t werden in pflanzliche und tierische Produkte eingebaut. 5’000 t sind Verluste, die in Böden und Gewässer gelangen. Die Verluste konnten in den letzten zehn Jahren (nur) um 10% reduziert werden.[3]

Besondern schädlich für die Gewässerqualität und Biodiversität sind aber nicht die Verluste an und für sich, sondern der daraus entstehende diffuse Eintrag von rund 1’400 t/a an gelöstem Phosphor (Phosphat = PO43-), weil nur dieser leicht von Pflanzen (Algen) aufgenommen werden kann und direkt die Überdüngung antreibt.[4] Der grössere Teil des Phosphors verbleibt in schwer löslicher Form in den Böden (Calcium-Eisen-Aluminium-Phosphate). Zwar stammen «nur» 27% des gelösten Phosphors aus der Landwirtschaft, doch diese Einträge finden konzentriert in gewissen Landesgegenden statt: dort, wo besonders viele Nutztiere gehalten werden. So gelangt z.B. viel zu viel gelöster Phosphor in die Mittellandseen wie Zugersee, Greifensee, Sempachersee oder Baldeggersee (siehe Titelbild).

Ähnlich finden Stickstoffverbindungen den Weg in Gewässer: Rund die Hälfte wird aus Böden ausgewaschen, massgeblich aus dem Kulturland. Total sind (2020) 46% (32’000 t) der 70’000 t Stickstoffeinträge in Gewässer landwirtschaftlich bedingt (siehe Tab. 1).[4] Diese Menge entspricht einem Drittel der gesamten Stickstoffüberschüsse der Landwirtschaft (91’000 t/a, inkl. Emissionen von Ammoniak und Lachgas).[5]

Pflanzenverfügbar unter den Stickstoffverbindungen ist nur Nitrat. Die anderen in die Umwelt emittierten Stickstoffverbindungen (siehe untenstehende Infobox) werden allerdings durch Luftsauerstoff zu Nitrat oxidiert (Bsp.: Bakterien bauen Harnstoff aus Kuh-Urin zu Ammoniak / Ammonium ab; diese Verbindungen werden über Tage bis Wochen mithilfe weiterer Bakterien zu Nitrat oxidiert).

Sowohl bei Phosphor wie auch bei Stickstoff sind Abwasserreinigungsanlagen (ARA) eine weitere wichtige Quelle (siehe Tab. 1). Da die Abläufe von ARAs durchwegs in grössere Fliessgewässer (Flüsse) münden, werden v.a. diese und damit letztlich das Mittelmeer (via Rhone und Tessin), der Atlantik (via Rhein) und das Schwarze Meer (via Inn) belastet.

Belastung der GewässerHerkunftStickstoff ≈ 70’000 t/aGelöster Phosphor ≈ 1’400 t/a
Diffuse Quellen:Landwirtschaft46% (32’200 t/a)27% (380 t/a)
Andere: Wald, unproduktive Fläche, Verkehr, Industrie etc.22% (15’000 t/a)26% (364 t/a)
Punktquellen:ARAs und Mischwasserentlastungen32% (22’800 t/a)47% (660 t/a)

Tabelle 1: Quellen von Gewässereinträgen von Stickstoff und gelöstem Phosphor, Stand 2020. Die Quelle Landwirtschaft inkludiert bzgl. Stickstoff neben direkten Einträgen durch landwirtschaftlich genutzte Flächen ebenfalls Einträge aufgrund Ammoniakemissionen auf andere, nicht landwirtschaftliche Flächen.[4]

Arten von Stickstoff in der Umwelt:

Aus der Landwirtschaft stammen Harnstoff (CH4N2O), Ammoniak (NH3), Nitrat (NO3) und Lachgas (N2O). Besonders problematisch ist das Gas «Ammoniak», das zu rund 90% aus der Viehhaltung stammt. Es wird über die Luft verfrachtet, trägt zur Überdüngung bei und bewirkt die Versauerung von Böden in empfindlichen Ökosystemen wie Wäldern, Mooren oder Magerwiesen.[6] Durch Luftsauerstoff wird es zu Nitrat oxidiert.[7] Aus ARAs gelangt Lachgas in die Luft und Nitrat in die Gewässer. Industrie und Verkehr emittieren Stickoxide (NOx).[8]

Algenblüten schaden Ökosystemen auf mehrere Weisen

In Seen führen unnatürlich hohe Nährstoffverfügbarkeiten zu starker Vermehrung von Phytoplankton – meist einzellige Algenarten, die die Grundlage der Gewässer-Nahrungsnetze bilden. Obwohl Phytoplankton eine essentielle Rolle für Gewässerökosysteme spielt, kann ein übermässiges Wachstum sehr viel Schaden anrichten. Dabei gibt es zwei zentrale Wirkmechanismen:

Erstens: Algen beanspruchen Licht

Algenblüten beanspruchen eine wichtige, begrenzte Ressource: Sonnenlicht. Phytoplankton (= Algen) kann nahe an der Wasseroberfläche wachsen, wo genügend Licht für Photosynthese verfügbar ist.[2] Bei stark erhöhtem Wachstum, wie es in einem stark eutrophierten See der Fall sein kann, bedecken die Algen oft grössere Bereiche der Wasseroberfläche. Sogenannte Algenblüten sind dann gut von Auge als meist grüne und seltener rote oder andersfarbige «Matten» an der Wasseroberfläche zu erkennen (siehe Abbildung 1).[9] In diesem Zustand werfen sie einen erheblichen Schatten auf darunterliegende Wasserschichten. Pflanzen, die näher an der Gewässersohle wachsen, wie Makroalgen oder Seegräser, erhalten so weniger – oft zu wenig – Licht. In der Folge können sie absterben oder werden verdrängt von Arten, die besser mit dem Lichtmangel umgehen können. So kann es zu Biodiversitätsverlusten bei Gewässerpflanzen kommen.[2]

Zweitens: Algenabbau verbraucht Sauerstoff

Am Ende seiner Lebensdauer sinkt Phytoplankton zum Seeboden und wird dort von Bakterien zersetzt. Diese veratmen im Prozess den Sauerstoff im Tiefenwasser. Algenblüten führen so zu Sauerstoffmangel in den Wasserschichten über dem Seeboden und bedrohen das Überleben der dort heimischen Arten.[2] In besonders starken Fällen, wie es in der Schweiz in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts in vielen Mittellandseen der Fall war, hat sich dieser Mangel in weitere Wasserschichten ausgedehnt und Fischen geschadet. So ist bei uns ca. ein Drittel der ehemals 35 heimischen Felchenarten ausgestorben.[10]

Klimawandel treibt Problematik voran

Durch den Klimawandel haben in den letzten Jahrzehnten auch die Wassertemperaturen in den Seen zugenommen. Nicht nur kann wärmeres Wasser weniger Sauerstoff halten als das kühlere, es kann auch Arten, die an eine spezifische Temperatur angepasst sind, in tiefere (kältere) Wasserschichten verdrängen. Dort herrscht in eutrophierten Seen aber (tiefenabhängig) Sauerstoffmangel. Dadurch wird der Lebensraum der kälteliebenden Arten eingeengt. Es gab Fälle, wo Tausende Fische wegen Hitze und Sauerstoffmangel verendeten. Gleichzeitig begünstigen die wärmeren Temperaturen wahrscheinlich das Wachstum von Bakterien und Algen, z.B. von Cyanobakterien (ugs. auch «Blaualgen»).[11]

Auch weitere Umweltbedingungen können die Artenzusammensetzung der Algen bestimmen. Um diese möglichst natürlich zu halten und schädliche Algenblüten in unseren Seen zu vermeiden, müssen Stickstoff- und Phosphoreinträge in die Gewässer auf ein naturverträgliches Mass gesenkt werden – und nicht nur das: Sie müssen auf ein naturnahes Verhältnis zueinander (siehe gelbe Box) zurückgeführt werden.[12]

Auf das Verhältnis kommt es an

Wie alle Lebewesen brauchen auch Algen Stickstoff (N) und Phosphor (P), wobei sie diese weitgehend als ionisierte Verbindungen (Nitrat, Phosphat) aufnehmen. Das Verhältnis von N:P ist je nach See in der Schweiz unterschiedlich; aber generell ist N:P grösser als im natürlichen Zustand. So wird das Wachstum von Algen in unseren Gewässern meist durch den Phosphorgehalt begrenzt. Bei Stickstoff kommt hinzu, dass gewisse Arten, v.a. Cyanobakterien, atmosphärischen Stickstoff aus der Luft fixieren können. Es wird teils behauptet, dass eine Stickstoffreduktion in Seen diese Arten unerwünscht fördern würde. Solange aber Phosphor und andere Nährstoffe nur begrenzt verfügbar sind, bewirkt eine Stickstoffreduktion keine Dominanz von Cyanobakterien. Es bleibt also die empfohlene Vorgehensweise, die Phosphor- und Stickstoffeinträge in Gewässer zu reduzieren. Das Ziel sollte ein naturnahes N:P Verhältnis sein.[12]


[1] Klaus et al. (2023): Gefährdete Arten und Lebensräume der Schweiz (Seiten 19 und 29)

[2] Umweltbundesamt (2024): Eutrophierung (abgerufen am 26.11.2025)

[3] BLW (2024): Phosphor in der Landwirtschaft (abgerufen am 10.12.2025)

[4] Hutchings et al. (2020): Abschätzung diffuser Stickstoff- und Phosphoreinträge in die Gewässer der Schweiz mit MODIFFUS 3.1, Stand 2020

[5] BFS (2025): Stickstoffbilanz der Landwirtschaft

[6] BAFU (2025): Emissionen aus der Landwirtschaft (abgerufen am 10.12.2025)

[7] Almawatech (2024): Ammoniumstickstoff (abgerufen am 10.12.2025)

[8] Guntern (2016): Eutrophierung und Biodiversität

[9] organica biotech (2025): Algenblüte: Arten, Ursachen, Auswirkungen und Präventionsmethoden (abgerufen am 26.11.2025)

[10] Eawag (2023): Sieben neue Felchenarten in der Zentralschweiz (abgerufen am 26.11.2025)

[11] SRF (2025): geht den Äschen und Forellen bald der Sauerstoff aus? (abgerufen am 26.11.2025)

[12] Knapp, D. & Posch, T. (2022): Veränderung der N:P Verhältnisse in Seen

Wir schreiben selbstständig. Der Verein ohneGift verzichtet auf den Einsatz künstlicher Intelligenz (KI) beim Verfassen von Texten.

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