Strategien für eine Schweizer Pflanzenproduktion mit minimalem Pestizideinsatz

Eine hohe Inlandproduktion sichert unsere Ernährung nicht, sondern gefährdet und verteuert sie. Zukunftsstrategien für den Standort Schweiz setzen auf mehr Markt und Ökologie. Wie es die Reform der teuren und umweltschädlichen Nachkriegsagrarpolitik zum Ziel hatte, die leider auf halbem Weg stehengeblieben ist.
Die Gemüseproduktion ist wie die Obst- und Weinproduktion besonders von Pestiziden abhängig. Investitionen in eine zukunftsfähige Produktion mit minimalem Pestizideinsatz sind dringend. Bild: Pixabay

Das Wichtigste in Kürze:

Die acht Leitideen in Kürze:

  • Die Ernährung der Bevölkerung sichern anstatt Einkommen für die Landwirtschaft schaffen
  • «Klasse statt Masse» produzieren
  • Fehlanreize, die eine pestizidintensive Produktion fördern, korrigieren
  • Vielfalt zulassen und Innovationen erleichtern
  • Eine zukunftsfähige Obst- und Gemüseproduktion mit minimalem Pestizideinsatz stärken
  • Sehr viel mehr in die Pflanzenzüchtung investieren
  • «No Food Waste» scheint ein Königsweg, doch die Hindernisse sind beträchtlich
  • Systemfehler sind kein Grund, individuelles Verhalten nicht zu ändern

Der Verein ohneGift fordert:

Die Politik sollte sich auf die Anfänge der Nachkriegsagrarpolitik-Reform besinnen. Mehr Markt und mehr Ökologie schaffen die Voraussetzungen für eine zukunftsfähige Landwirtschaft und damit auch eine Schweizer Agrarproduktion mit minimalem Pestizideinsatz.

Die Reform der Agrarpolitik nach 1992 orientierte sich nach Jahrzehnten teurer Überschüsse und zunehmender Umweltbelastungen an der Leitidee «Mehr Markt und mehr Ökologie».[1] Diese Reform ist auf halbem Weg stehengeblieben. Die Agrarpolitik ist bis heute primär Einkommenspolitik und hat sich in einem Gestrüpp von Regulierungen und Direktzahlungen verirrt, wovon weder die Landwirtschaft, noch die Bevölkerung, noch die Umwelt profitieren, die jedoch Beschäftigung für die Verwaltung schafft.

Nachfolgend werden acht Leitideen für eine zukunftsfähige Schweizer Pflanzenproduktion mit minimalem Einsatz von Pflanzenschutzmitteln (PSM) skizziert.

Erstens, Ernährungssicherheit für die Bevölkerung anstatt Einkommen für die Landwirtschaft[2]

Die Schweizer Landwirtschaft trägt nicht zur Ernährungssicherheit bei, indem sie möglichst viel, sondern möglichst umweltschonend das produziert, was nachgefragt wird, wo sie relative Wettbewerbsvorteile und gute Marktchancen hat. Anstatt primär Einkommen für die Landwirtschaft zu schaffen, braucht es eine Politik, die die Ernährung der Schweizer Bevölkerung sichert. Dazu braucht es vor allem Handel, zweitens Lagerhaltung und selbstredend auch eine standortangepasste Landwirtschaft.

Zweitens, «Klasse statt Masse»

Beim Standort geht es nicht nur um die bekannten natürlichen Bedingungen wie knappe Flächen, Topographie und Klima, sondern auch um die sozio-ökonomischen, darunter: teure Arbeit, günstiges Kapital, Bildung und Technologie, offene Volkswirtschaft, Kaufkraft. Die Schweizer Landwirtschaft kann in diesem Kontext nicht beim Preiswettbewerb, sondern nur beim Qualitätswettbewerb mithalten. Sie sollte nicht billige Industriemilch, sondern teure mengenmässig beschränkte «Heumilch» produzieren. Besser kleinere Mengen teure qualitativ herausragende Nahrungsmittel als Massen mindere Produkte.

In der Tierproduktion ist die Schweiz prädestiniert für die graslandbasierte Milch- und Fleischproduktion mit wenig oder ohne Weizen, Soja und andere Kraftfutter, die die menschliche Ernährung konkurrenzieren. Doch leider haben die meisten Landwirte in den vergangenen Jahrzehnten auf Hochleistungsmilch- oder -fleischrassen gesetzt, die immer weniger zum Standort passen, anstatt auf robuste und langlebige Zweinutzungsrassen. Nicht geeignet ist die Schweiz hingegen für die Geflügelfleischproduktion, die es ohne ausgebauten Grenzschutz nicht gäbe und die zudem vollständig importabhängig ist.

Im Pflanzenbau sollte sich die Schweiz auf Kulturen konzentrieren, wo sie relativ (auch ökologisch) wettbewerbsfähig ist, wo es eine kaufkräftige Nachfrage nach Schweizer Produkten gibt oder wo es Chancen gibt, eine solche zu schaffen. Relativ wettbewerbsfähig ist die Landwirtschaft etwa bei Getreide, nicht aber bei Zuckerrüben und Raps.

Drittens, Fehlanreize korrigieren

Beispiele für Fehlanreize geben die Förderung von Zuckerrüben, Raps oder Reben. Die schädlings- und krankheitsanfälligen und deshalb PSM-intensiven Ackerkulturen Zuckerrüben und Raps sind in der Schweiz weder ökologisch noch ökonomisch standortangepasst. Durch ihre Anfälligkeit bedeutet ein Verzicht auf Pestizide geringere und unsichere Erträge (mehr dazu im Blogartikel «Wie wichtig sind Pestizide für eine sichere Ernährung?»). Diese Kulturen werden nur wegen massiver Subventionierung angebaut, obwohl sie die Ernährung nicht sichern, sondern – inklusive Umweltkosten – hauptsächlich verteuern. Konsequenterweise sollten die Einzelkulturbeiträge für Raps und Zuckerrüben abgeschafft werden.

Ebenso ist die Unterstützung der pestizidintensiven Schweizer Weinproduktion zu hinterfragen. In der Schweiz wird mehr Wein produziert als nachgefragt, auch weltweit besteht ein Überangebot. Andere Länder, beispielsweise Italien, haben günstigere natürliche Produktionsbedingungen, weshalb Wein zunehmend biologisch produziert wird, oft ohne ihn als biologisch zu vermarkten. Weshalb also soll der pestizidintensive Schweizer Weinbau an der Weinnachfrage vorbei mit öffentlichen Geldern unterstützt werden?

Ein grundsätzlicher Fehlanreiz sind unbefristete hohe produktionsbezogene Direktzahlungen, besonders die sogenannten Versorgungssicherheitsbeiträge. Sie bremsen und verhindern eine zukunftsfähige Landwirtschaft. Solche Zahlungen sollten reduziert werden, zu Gunsten befristeter Unterstützung von Innovationen und Experimenten.

Viertens, Vielfalt zulassen und Innovationen erleichtern

Es gibt unendlich viele Möglichkeiten, Nahrungsmittel zu produzieren. Die Agrarpolitik jedoch hängt an überholten Vorstellungen fest, wie ein Schweizer Landwirtschaftsbetrieb und wie der Agrarsektor auszusehen haben. Dies schlägt sich in zahlreichen Regulierungen nieder, die Innovationen behindern oder verunmöglichen. Diese Vorschriften sind nicht zuletzt eine Folge der hohen Direktzahlungen und beabsichtigen, angebliche oder reale Missbräuche zu verhindern. Damit erschweren und verhindern sie, Neues auszuprobieren. Seien es neue Unternehmensformen, Produkte, Produktionstechniken, Verarbeitungen oder Lieferketten.

Zwar gibt es auch heute Unternehmen, die experimentieren – beispielsweise mit regenerativer, solidarischer, bioveganer oder Agroforstlandwirtschaft oder mit technischen Methoden der Präzisionslandwirtschaft –, sei es draussen möglichst naturnah (siehe Box) oder in ökologisch intelligenten industriellen Indoor-Anlagen, etwa Umami in Zürich. Doch in der Schweiz wäre viel mehr möglich, auch wenn es dazu Mut braucht, wie Marcel Heinrich, Biohof Las Sorts in Filisur, Graubünden, sagt: «Habe Mut, etwas anders zu machen als die Generationen vor dir. Und klar, orientiere dich auch daran, was der Markt will. So produzierst du etwas, bei dem dein Einkommen mehrheitlich aus dem Produkteverkauf kommt und nicht bloss von Direktzahlungen. Das gibt ein gutes Gefühl der Unabhängigkeit und Freiheit.»[3]

Globale Inspirationen

Beispiele für Betriebe, die sich einer naturnahen Landwirtschaft verpflichtet fühlen, finden sich im Buch «Zwölf Bauernhöfe denken Landwirtschaft neu».[4] Manche Inspiration kommt von jenseits der Grenze, beispielsweise: «Forêt comestible» von Gfellerbio in Sédailles, Waadt; «Observation Alimentaire» auf dem Gut Rheinau, Zürich; «Low Stress Stockmanship» auf dem Hof Silberdistel in Holderbank, Solothurn; «Planting Green» auf dem Hof Obere Wanne in Liestal, Basel-Landschaft; «Controlled Traffic Farming» im SlowGrow HofLabor in Mönchaltorf, Zürich; «Keyline Design» auf dem Katzhof in Richenthal, Luzern.

Viele Wege führen zu einer Landwirtschaft und Nahrungsmittelproduktion mit weniger Umweltbelastungen, die auch einen Beitrag zur Ernährungssicherheit leistet und dabei weniger von der Politik und finanzieller Unterstützung abhängig ist. Weniger Geld würde mehr Freiheit ermöglichen. Der Zeitpunkt ist da, die Sonderstellung der Landwirtschaft zu hinterfragen und die landwirtschaftlichen Unternehmen nicht länger – im Vergleich zu anderen KMU (kleine und mittlere Unternehmen) – in diesem extremen Ausmass zu privilegieren.[5]

Fünftens, Stärkung einer zukunftsfähigen Obst- und Gemüseproduktion

Auch die Mehrheit der spezialisierten Obst- oder Gemüsebaubetriebe sind heute existenziell auf chemisch-synthetischen PSM angewiesen, während gleichzeitig ihre Einkommen unwesentlich von Direktzahlungen abhängen. Obst- und Gemüsebaubetriebe profitieren vor allem von dank Grenzschutz höheren Preisen.

Beim Obst- und Gemüsebau besteht Diskussions- und Handlungsbedarf. Bei welchen dieser Spezialkulturen ist – allenfalls über eine Marktnachfrage hinaus – eine Unterstützung der Inlandproduktion gerechtfertigt? Und wie können sie gegebenenfalls unterstützt werden, gesundheits- und umweltschonender zu produzieren und von Pestiziden unabhängiger zu werden?

Sechstens, Investitionen in die Pflanzenzüchtung

Die Herausforderungen für den Pflanzenbau sind beträchtlich, nicht nur in der Schweiz, sondern global; durch die klimatischen Veränderungen werden sie noch grösser. Die Pflanzenzüchtung wird in der Schweiz jedoch sträflich vernachlässigt. Der Bund investiert etwa ein Tausendstel von rund 4 Milliarden Franken, die er jährlich für den Agrarsektor ausgibt, in die Pflanzenzüchtung.[6] Diese gewaltige Fehlallokation von öffentlichen Mitteln ist durch nichts zu rechtfertigen.

Die Züchtung einer Vielfalt robuster Pflanzenarten und -sorten ist eine gemeinsame Aufgabe aller Akteure, privater und öffentlicher, grosser und kleiner. Vielfalt braucht es auch in der Forschung und Entwicklung und bei den Unternehmen. Die Züchtung darf nicht global operierenden Unternehmen wie Bayer-Monsanto, DuPont-Dow und ChemChina-Syngenta überlassen werden, die gemäss Schätzungen über 60 Prozent des kommerziellen Marktes für Saatgut beherrschen.[7] Kleine private Züchtungen, die eine wichtige Arbeit machen, wie beispielsweise die biodynamische Getreidezüchtung Peter Kunz gzpk können ohne öffentliche Unterstützung kaum überleben. Zu den Investitionen in die Pflanzenzüchtung gehört zwingend, die Kultur- und Sortenvielfalt zu erhalten; ihr Verlust ist irreversibel, ihre Bewahrung ein öffentliches Gut.

Siebtens, Königsweg «No Food Waste»?

Heute gehen in der Schweiz etwa ein Drittel der essbaren Nahrungsmittel verloren.[8] Rein rechnerisch würde die Vermeidung dieser Nahrungsmittelverluste die Umwelt wirksam entlasten. «No Food Waste» klingt nach einem Königsweg. Die Umsetzung ist allerdings mehr als herausfordernd, wirtschaftlich und kulturell: Leere Regale in der Bäckerei am Abend? Krumme Rüebli mit zwei Beinen? Kleine Portionen in der Gastronomie? – Nächstes Mal kommen die Kunden vielleicht nicht mehr!? Essensreste vom Vortag? Abgelaufene Joghurts im Kühlschrank? Weg damit! Und dies auch in einkommensschwachen Haushalten.

Ein weiteres unterschätztes Hindernis ist, dass die Folgen von weniger Verschwendung nicht unbedingt im Interesse der Unternehmen in den Lieferketten sind. Viele der Landwirtschaft vor- und nachgelagerten Unternehmen profitieren von einer hohen Produktion, selbst wenn sie am Schluss entsorgt wird.

Achtens, Chance Verhaltensänderung

Auch wenn es Änderungen «im System», in Politik und Wirtschaft braucht, spricht nichts gegen individuelle Verhaltensänderungen, die in unserer Macht stehen und die in der Summe viel bewirken können. Drei individuelle Strategien, die dazu beitragen, dass die Umwelt weniger durch eine pestizidintensive Nahrungsmittelproduktion belastet wird:

  • Essen nicht verschwenden: Werden weniger Nahrungsmittel weggeworfen oder zu viel gegessen, muss auch weniger produziert werden.
  • Weniger tierische Produkte essen: Werden weniger Fleisch und andere tierische Produkte gegessen, muss auch weniger (Acker)Land bewirtschaftet werden.
  • Biologisch oder pestizidfrei produzierte Nahrungsmittel kaufen: Steigt die Nachfrage nach Bio bzw. pestizidfrei, so nimmt auch die Produktion zu, die auf chemisch-synthetische PSM verzichtet.

Der Vorteil dieser drei Strategien: Sie tragen auch zu einer gesünderen Ernährung bei. Nur sind sie nicht zu erzwingen. Die Menschen ändern ihre Essgewohnheiten nicht, wenn sie das Gefühl haben, man nimmt ihnen etwas weg. Wir lassen uns nicht vorschreiben, was wir zu essen haben: Wir lassen uns «nicht die Wurst verbieten»! Die Psychologie spricht von Reaktanz. Eine wahrgenommene Bevormundung und Einschränkung der Freiheit lösen Gegenreaktionen aus. «Essen ist Heimat» – und Privatsache.

Fazit

Anstatt mit viel Geld Landwirtschaftsbetriebe und eine pestizidintensive Produktion zu Lasten unserer Gesundheit und der Umwelt zu fördern, ist eine Politik nötig, die eine an den natürlichen und wirtschaftlichen Standort Schweiz angepasste Produktion ermöglicht. Zwingend sind viel höhere Investitionen in die Pflanzenzüchtung und in die Entwicklung intelligenter Anbausysteme und -techniken. Ohne Offenheit und Bereitschaft für Wandel, ohne Mut und Raum für Experimente wird die Schweizer Landwirtschaft nicht zukunftsfähig.


[1] Eine gute Übersicht zu den ersten beiden Etappen der grundlegenden Reform der Schweizer Agrarpolitik, die vom Bundesrat 1992 eingeleitet wurde, gibt der Beitrag von Werner Harder (1998): Parlament verabschiedet «Agrarpolitik 2002», AgrarForschung (5): 229-232.

[2] Siehe Blogbeitrag «Wie wichtig sind Pestizide für eine sichere Ernährung?»

[3] Zitiert in: Egloff & Graf (2025), S. 179 (Fussnote 4)

[4] Egloff, Nicole & Graf, Raphaela (2025). «Das Radiesli stimmt mich zuversichtlich» Zwölf Bauernhöfe denken Landwirtschaft neu. Zürich: Rotpunktverlag. 

[5] Baur, Priska (2008). Der bäuerliche Familienbetrieb – ein KMU? Der KMUnternehmer. Baur, Priska (2019). Vom «bäuerlichen Familienbetrieb» zum KMU – eine Chance für den Standort Schweiz. In: Zukunft der Familienbetriebe? Jahrestagung der Schweizerischen Gesellschaft für Agrarwirtschaft und Agrarsoziologie SGA, Wädenswil, 4. – 5. April 2018.

[6] Gemäss BLW (2016, Strategie Pflanzenzüchtung 2050) wurden 2013 für die öffentlich finanzierten Züchtungsprogramme ca. 4 Millionen Franken ausgegeben. Neuere Zahlen wurden nicht gefunden.

[7] Heinrich Böll Stiftung: Der Markt für kommerzielles Saatgut (zuletzt abgerufen am 5.12.2025)

[8] Baretta & Hellweg (2019): Lebensmittelverluste in der Schweiz: Umweltbelastung und Vermeidungspotenzial. BAFU, ETH.

Wir schreiben selbstständig. Der Verein ohneGift verzichtet auf den Einsatz künstlicher Intelligenz (KI) beim Verfassen von Texten.

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