Der Verein ohneGift fordert:
Datenlücken zur Wirkung von Zusatzstoffen in Lebensmittel-Verpackungen sollen geschlossen und Regulierungen angepasst werden. Die Toxizität im Gemisch mit anderen Substanzen soll bei der Risikobewertung berücksichtigt werden.
Das Menü: ein Buffet mit Spinat-Kichererbsen-Curry, gebratener Tofu, Fisch, Reis, selbstgebackenes Brot und zum Dessert gibt es Blaubeeren-Quark-Muffins
Zutaten von Plastik umhüllt
Um das Nachmittagstief zu umgehen, hole ich beim Kiosk einen Kaffee und nehme einen Schluck, ehe ich den Grossverteiler betrete. Nach wenigen Schritten sehe ich Früchte und Gemüse. Die Blaubeeren sind eingepackt in einer Schachtel aus recyceltem Polyethylen-terephthalat (PET, Recyclingcode «01»). Es ist bekannt, dass Antimon und Acetaldehyd aus PET ins Lebensmittel migrieren können. Bei langfristiger Exposition können beide Stoffe Krebs begünstigen, Antimon kann auch zu Leber-, Nieren- und Herzproblemen führen.[1],[2],[3]
Der Spinat und Tofu sind von einer dünnen Schicht Polypropylen (PP, Recyclingcode «05») umhüllt. PP wird wegen der Flexibilität breit eingesetzt und gilt für den Menschen als sicher.[4],[5]
Es ist komplex, die tatsächlich in Lebensmittel migrierten Mengen von Chemikalien zu erfassen und eindeutige Rückschlüsse auf konkrete Krankheitsbilder zu ziehen. Dazu nötig wären epidemiologische Studien, wo unter Tausenden von Konsument:innen die Krankheiten und langjährigen Einkaufsgewohnheiten erfasst und dann mittels statistischer Auswertung Zusammenhänge plausibilisiert werden. Eine solche Studie gab es kürzlich zu Konservierungsstoffen[6]. Wegen der Komplexität der Sachverhalte können als Resultate «nur» Wahrscheinlichkeiten angegeben werden. Im Umweltrecht wird diesem Problem mit dem Vorsorgeprinzip begegnet: «Im Sinne der Vorsorge sind Einwirkungen, die schädlich oder lästig werden könnten, frühzeitig zu begrenzen.» (Art. 1 Abs. 2 Umweltschutzgesetz). Mit anderen Worten verlangt das Umweltschutzgesetz bereits dann Begrenzungsmassnahmen, wenn eine erhebliche Wahrscheinlichkeit einer Schädlichkeit besteht.
Was haben Take-Away Kaffee und Fisch gemeinsam?
Ich trinke einen Schluck Kaffee. Eine dünne Beschichtung auf der Innenseite des Bechers verhindert das Aufweichen des Kartons, enthält aber unerwünschte Chemikalien wie Per- und polyfluorierte Alkylsubstanzen (PFAS). Sie werden u.a. mit Krebs, Geburtsfehler oder Schilddrüsenstörungen in Verbindung gebracht (siehe auch «PFAS sind das neue PCB»).[7],[8]
PFAS
Die Schweizer Stiftung «Food Packaging Forum»[9] hat 2024 Studien analysiert, die PFAS-Migrate aus Plastik, Papier-, Papp- und Metallbeschichtungen von Lebensmittelkontaktmaterialien untersuchten. Das Resultat war überraschend: rund 90% der in Lebensmitteln nachgewiesenen PFAS sind nicht in behördlichen oder industrieinternen Verzeichnissen zu Chemikalien aufgeführt, die zur Herstellung von Lebensmittelkontaktmaterialien verwendet werden dürfen. Auch die Toxikologie ist nur von 57% der identifizierten PFAS bekannt. Dies erschwert eine angemessene Regulierung. Diese Datenlücke und die Persistenz der PFAS verdeutlichen die Notwendigkeit alle PFAS als Gruppe zu behandeln und – im Sinne des Vorsorgeprinzips – zu verbieten.[10]
An der Fischtheke wird mir zunächst Hecht aus dem Pfäffikersee empfohlen, wovon mir eine Kundin wegen erhöhter PFAS-Belastung abrät. Tatsächlich überschritt bei vier von zehn Proben die Summe der kritischen PFAS-Verbindungen (PFOS, PFOA, PFNA und PFHxS) die gesetzlichen Höchstwerte von 8µg/kg Muskelfleisch[11]. Peinlich berührt schlägt mir die Verkäuferin den Steinbutt aus der Nord- oder Ostsee vor. Doch die Kundin weiss Bescheid: einzelne Proben davon überschritten die EU-Höchstwerte für PFAS um ein Vielfaches. Schon der Verzehr von 150g Steinbutt überschreitet die tolerierbare wöchentliche Aufnahmemenge um 40% bei einem durchschnittlichen Erwachsenen.[12] Ich glaube ihr und lasse das mit dem Fisch.
More Protein, less Styrene
Als Nächstes gehe ich weiter zum Joghurtregal und nehme dort 250g Quark. Joghurt- und Quarkbecher bestehen häufig aus Polystyrol (PS, Recyclingcode «06»), aus dem besonders unter Hitze oder bei Kontakt mit säurehaltigen, alkoholischen oder fettigen Lebensmitteln Styrol ins Produkt migrieren kann (also besonders beim Konsum von Suppe oder heissen Getränken im Styroporbecher).[2],[13] Styrol gilt als neurotoxisch und potenziell entwicklungs- und reproduktionstoxisch sowie krebserregend.[14] Im Falle des gekühlten Joghurts ist PS nach aktuellem Wissensstand unbedenklich. In 1kg Joghurt sind 15μg Styrol nachgewiesen worden (Verpackungsoberfläche von 6dm2/kg Joghurt, Lagerung bei 8°C, 50 Tage lang)[15], was deutlich unter dem spezifischen Migrationswert der EU von 40μg/kg Lebensmittel liegt.[16]
Bye Bye BPA
Kurz vor der Kasse komme ich an den Konserven vorbei und nehme eine Dose Kokosmilch. Konservendosen sind innen häufig mit einer weissen Schicht Epoxidharz ausgekleidet, welche zwar Korrosion verhindert, aber die hormonaktive Substanz Bisphenol-A (BPA) abgibt. BPA bindet an Östrogenrezeptoren, stört das Immunsystem und begünstigt Krankheiten wie Brust- und Hodenkrebs, Diabetes, Adipositas und Kreislauferkrankungen.[17] Mit der Übergangsfrist von einem Jahr ist die Verwendung von BPA in Lebensmittelkontaktmaterialien für den privaten Endverbraucher seit dem 01. Juli 2025 verboten.[18]
PFAS und BPA sind bereits im Bereich von einigen Nanogrammen derart toxisch, dass kein Grenzwert angemessen vor den gesundheitlichen Auswirkungen schützt. Es ist daher eine Nulltoleranz anzustreben.
Jetzt fehlen mir noch zwei Gläser Kichererbsen und eine Flasche Sonnenblumenöl. Der Recyclingcode «03» am Flaschenboden steht für Polyvinylchlorid (PVC) und auch die Dichtung des Kichererbsen-Deckels kann PVC enthalten[13] (oder einzeln auch BPA, bis zum Ende der Übergangsdauer[19]). PVC ist der Kunststoff mit den meisten Additiven, darunter auch Phthalate.[20] Die Verwendung von Phthalaten als Weichmacher in PVC-Verpackungen ist in der Schweiz jedoch verboten, wie beispielsweise in Frischhaltefolien.[21],[22] Zu vielen dieser Zusatzstoffe fehlen Daten zur Identifikation, dem Migrationspotenzial und/oder der Bioverfügbarkeit, was eine Risikobewertung stark erschwert.[20]
Phthalate
Phthalate sind in Lebensmittelkontaktmaterialien nicht generell verboten, jedoch streng reguliert. Bedenkliche Phthalate sind bereits zulassungspflichtig und reproduktionstoxische Vertreter verboten. Besonders flüchtige Phthalate werden zunehmend durch weniger flüchtige oder «Nicht-Phthalat-Weichmacher» wie DINCH ersetzt.[22]
Die gesundheitlichen Auswirkungen von Phthalaten wie Reproduktionsminderung oder Entwicklungsstörungen zeigen sich erst bei längerer und wiederholter Exposition. Phthalate finden in einer Vielzahl von Produkten Anwendung, beispielsweise in Kosmetika, Pestiziden, Arzneimitteln, Künstlerfarben oder Motorentreibstoff. Dies bedeutet, dass wir verschiedenen Phthalaten auf unterschiedlichen Wegen ausgesetzt sind.[22] Es ist daher nicht überraschend, dass bei rund 95% der europäischen Bevölkerung Phthalate im Urin nachgewiesen wurden.[14] Die präzise Menge pro Expositionsweg ist schwer zu erfassen.
Die täglich tolerierbare Aufnahmemenge (TDI) ist je nach Phthalat unterschiedlich, liegt jedoch meist im Mikrogramm- bis Milligrammbereich (Gruppen-TDI von 0.05 mg/kg Körpergewicht für die Summe der vier Phthalate BBP, DBP, DINP und DEHP).[23] Im Vergleich zu den PFAS liegt dieser rund 80’000-mal höher.[24] Es ist ein bemerkenswertes Phänomen, dass die Giftigkeit von chemischen Substanzen (für Mensch und Natur) sich um einen Faktor 80’000 oder mehr unterscheiden kann.
Tipps, um die Belastung zu verringern:
- Lebensmittel, wenn immer möglich unverpackt kaufen (schont zudem die Ressourcen)
- möglichst wenige Konservendosen kaufen
- Lebensmittel zuhause in Glasbehältern lagern
- Öl und Essig in der Glasflasche kaufen
- Einwegverpackungen meiden beim Take-Away (fettabweisendes Papier, beschichteter Karton, Styroporbehälter).
Tipp für Betriebe: Es gibt auch unbeschichtete Kaffeebecher - Kein Fast-Food in Kunststoffverpackungen kaufen
- Essen nicht im Kunststoffbehälter in der Mikrowelle oder im Backofen wärmen
[1] Nelaballi: PET-Kunststoffe (abgerufen am 15.12.2025)
[2] Bund: Schadstoffe in Plastik (abgerufen am 17.12.2025)
[3] Wikipedia: Acetaldehyd (abgerufen am 05.01.2026)
[4] März (2025): Polypropylen: so schädlich ist der Kunststoff (abgerufen am 19.12.2025)
[5] ECHA (2021): Polypropylene (abgerufen am 05.01.2026)
[6] Hasenböhler (2026): Intake of food additive preservatives and incidence of cancer: results from the NutriNet-Santé prospective cohort (abgerufen am 11.1.2026)
[7] Perkins (2024): New study reveals diet link to PFAS ‘forever chemicals’ in human body (abgerufen am 17.12.2025)
[8] Davis (2025): PFAS in Food Packaging: What You Need To Know (abgerufen am 19.12.2025)
[9] Geueke (2024): Overview of use, migration, and hazards of PFAS in FCMs (abgerufen am 05.01.2026)
[10] Berg (2024): «Beschichtetes Papier ist am heikelsten» (abgerufen am 05.01.2026)
[11] Kanton Zürich (2025): PFAS in Speisefischen: Messkampagne Zürichsee, Greifensee, Pfäffikersee
[12] Sadek & Jettka (2025): PFAS: Ewigkeitschemikalien belasten die Umwelt (abgerufen am 19.12.2025)
[13] Verbraucherzentrale (2025): Auswirkungen von Plastik auf die Gesundheit (abgerufen am 17.12.2025)
[14] Hraško (2024): Auswirkungen von Lebensmittelverpackungen auf die Gesundheit. S. 8–11
[15] Guazotti et al (2024): Styrene Migration from Polystyrene for Food Contact
[16] EFSA (2025): Re-assessment of the risks to public health related to the genotoxicity of styrene present in plastic food contact materials
[17] Bund: Hormongift aus der Konserve (abgerufen am 15.12.2025
[18] VBS (2025): Gesundheitsschutz im Lebensmittelrecht wird weiter gestärkt (abgerufen am 22.12.2025)
[19] Global2000 (2017): BPA in Dosen (abgerufen am 17.12.2026)
[20] Zero Waste Europe (2024): Bye Bye to PVC in food packaging – for one and all
[21] Konsumentenschutz (2025): Was sind Phthalate und warum sind sie gefährlich? (abgerufen am 05.01.202)
[22] BAG (2021): Factsheet Phthalate
[23] EFSA (2019): Update of the risk assessment of di-butylphthalate (DBP), butyl-benzyl-phthalate (BBP), bis(2-ethylhexyl)phthalate (DEHP), di-isononylphthalate (DINP) and di-isodecylphthalate (DIDP) for use in food contact materials (abgerufen am 08.01.2026)
[24] EFSA (2020): PFAS in Lebensmitteln (abgerufen am 08.01.2026)
