Der Verein ohneGift fordert:
Im Cannabisproduktegesetz soll der biologische Anbau von Cannabis vorgeschrieben werden.
Cannabislegalisierung mit Fokus auf Gesundheit und Jugendschutz – ein Paradox?
Cannabis (lateinisch für «Hanfpflanze») wird in immer mehr Ländern entkriminalisiert und legalisiert. So hat Kanada bereits 2018 den Konsum für «nicht medizinische Zwecke» (sprich: den Genuss) legalisiert. Die Produktion und Abgabe erfolgen über staatlich lizenzierte Stellen.[1] Ähnlich könnte es künftig in der Schweiz sein: 2021 wurde die parlamentarische Initiative (Pa. lv. Siegenthaler, 20.473) zur «Regulierung des Cannabismarktes für einen besseren Jugend- und Konsumentenschutz» angenommen. Im Herbst 2025 fand die Vernehmlassung zum Cannabisproduktegesetz (CanPG) statt.[2] Als Nächstes wird das Parlament die Beratungen dazu aufnehmen.
Das neue Gesetz soll es Erwachsenen ermöglichen, Cannabisprodukte zum Rauchen oder Schlucken legal zu erwerben. Das Ziel besteht in der Regulierung der Produktion und des Marktes. Zentrale Anliegen sind der Jugendschutz und die öffentliche Gesundheit.[3] Cannabis bleibt weiterhin als Betäubungsmittel eingestuft und der Konsum soll durch eine Lenkungsabgabe reguliert werden.[4] Dennoch stellt sich die Frage nach möglichen Gesundheitsrisiken durch Verunreinigungen wie Pestizidrückstände.
Zwar ist im Vorentwurf des CanPG (Art. 19) festgehalten, dass die Produkte «keine gesundheitlich bedenklichen Gehalte an Kontaminanten» wie Schwermetalle oder Pflanzenschutzmittel (PSM) aufweisen dürfen und dass das Eidgenössische Departement des Innern (EDI) «Höchstgehalte» festlegen soll.[2] Solche fehlen bislang, weil die Belastung von Cannabis (wie auch Tabak) bei der Zulassung von PSM nicht untersucht wird. Dies gilt namentlich für den inhalativen Konsum, also das Rauchen oder Vapen.
Eine vom Bundesamt für Gesundheit (BAG) in Auftrag gegebene Pilotstudie[5] zeigt, dass mit Kontamination zu rechnen ist. So wurden 151 polizeilich beschlagnahmte Cannabisproben getestet. Bei 12 davon wurden Insektizid- oder Fungizidrückstände nachgewiesen. Studien aus den USA fanden sogar Rückstände in 70% der Cannabisproben.[5],[6] Auch beim legalem Cannabisanbau kommt eine unsachgemässe Anwendung von Pflanzenschutzmitteln relativ häufig vor.[2]
Unbekanntes Gesundheitsrisiko beim Rauchen
Doch welche gesundheitlichen Folgen ergeben sich, wenn mit PSM-Rückständen belastetes Marihuana oder Haschisch, vermischt mit Tabak, geraucht oder «gevaped» wird?
Was beim Rauchen passiert
Beim Rauchen wird das Gemisch von Tabak und Cannabis mit Luftsauerstoff oxidiert («verbrannt»). Dabei entstehen im Zentrum der Glut Temperaturen bis zu 1‘000 °C. Neben und hinter der Glutzone sind die Temperaturen aber tiefer und die Stoffe verschwelen nur (unvollständige Verbrennung, sog. Pyrolyse). Dabei werden viele schädliche Verbindungen freigesetzt. In der sogenannten Schwelzone findet die Verdampfung der flüchtigen Anteile statt.[7] So entsteht ein komplexes Stoffgemisch. Im Tabakrauch etwa kommen bis zu 12‘000 chemische Verbindungen vor, und zwar in allen Aggregatzuständen (fest, flüssig, gasförmig). Daher müsste Zigarettenrauch eher als Aerosol statt als «Rauch» bezeichnet werden.[8]
Grenzwerte für PSM-Rückstände auf Tabak, geschweige denn auf Cannabis, gibt es bislang weder in der EU noch in der Schweiz.[9][10]
Risikoprüfung nicht aufs Rauchen ausgelegt
Schauen wir zwei der in den Cannabisproben nachgewiesenen PSM genauer an: Das Fungizid Propamocarb und das Insektizid Dimethoat.
Propamocarb ist ein zugelassener Wirkstoff in Fungiziden, der beispielsweise gegen den Falschen Mehltau bei Salat oder Rosen wirkt.[11] Bei einigen Proben wurden Rückstände nachgewiesen.[5] Laut Sicherheitsdatenblatt gilt Propamocarb bei sachgemässer Anwendung nicht als besonders gesundheitsgefährdend: Möglich sind allergische Reaktionen bei Hautkontakt; das Einatmen von Rauch, Dampf oder Staub soll vermieden werden.[12] Tatsächlich kann Rauch toxische Zerfallsprodukte enthalten. Die gesundheitlichen Auswirkungen aus der Inhalation wurden jedoch nie getestet.
Der ebenfalls nachgewiesene Wirkstoff Dimethoat gehört zu den Insektiziden und wurde in der Schweiz und EU bereits verboten.[13],[14] Exportiert wird es aber trotzdem (siehe «Die merkwürdige Reise der Pestizide»), und kann so auch in global gehandeltem Cannabis vorkommen. Auch hier gibt es keine Untersuchungen zu den Zerfallsprodukten im Rauch und ihren Auswirkungen auf die Gesundheit.
Kurz gesagt: Die gesundheitlichen Auswirkungen von verbrannten und inhalierten PSM-Rückständen sind unbekannt, weil sie bei der Risikobewertung nicht geprüft werden.
Besonders gefährliche PSM
Enthält ein PSM-Wirkstoff Halogene, z.B. Chlor (Cl), Brom (Br) oder Fluor (Fl)[15] entstehen bei der Verbrennung oft problematische Zersetzungsprodukte[16], die Nervenschäden, hormonelle Störungen oder Atemwegsreizungen hervorrufen können.[17],[18]
Deltamethrin (C22H19Br2NO3) und Cypermehtrin (C22H19Cl2NO3) etwa sind zwei Beispiele für halogenierte Pyrethroide.[19],[20] Beide werden auf Grünpflanzen und diversen Gemüsesorten beispielsweise gegen Blattläuse oder Erdraupen angewendet – sind also Insektizide.[21] Denkbar wäre eine Anwendung gegen Blattläuse auch auf Cannabis.
Gesetzlicher Schutz auf der Kippe
2022 startete in Basel eine Pilotstudie zur kontrollierten Cannabisabgabe. Die Produkte müssen Bio-Standards erfüllen, was sich wegen der bodenreinigenden Wirkung der Cannabispflanzen als Schwierigkeit entpuppte. [22],[23] Wird Cannabis nämlich auf Böden angebaut, die Pestizide aus früheren Anwendungen enthalten, nehmen sie diese über die Wurzeln auf und reichern sie an.[24],[25] Dies bedeutet, dass eine Kontamination nicht bloss durch die im Anbau ausgebrachten PSM entsteht, sondern auch durch die Anreicherung aus einer Art Altlasten im Boden.
Da die gesundheitlichen Auswirkungen inhalierter Pestizidrückstände unklar sind, sollte das Risiko für die Gesundheit der Konsument:innen mit der Vorschrift für eine biologische Cannabis-Produktion minimiert werden. In diesem Sinne fordert ein Minderheitsantrag von acht Nationalrät:innen zu Art. 19 im Vorentwurf des CanPG ein Verbot «synthetischer Pflanzenschutzmittel bei der Herstellung von Cannabisprodukten».
Vorschrift zur biologischen Produktion als beste Lösung
Besser wäre allerdings eine grundsätzliche Vorschrift zur biologischen Produktion von Cannabis. Da die Cannabis-Produktion eine hohe Wertschöpfung ermöglicht, kann dies den Produzent:innen ohne weiteres zugemutet werden. Ausserdem verschafft ein solcher Qualitätsstandard den Schweizer Produzierenden einen internationalen Marktvorteil. Es ist nämlich davon auszugehen, dass Cannabis bald überall auf der Welt legalisiert und als Handelsgut etabliert wird. Schweizer Cannabis wird zur neuen Schokolade!
[1] wikipedia (2026): Rechtliche Stellung des Cannabisgebrauchs in Kanada (abgerufen am 24.04.2026)
[2] Erläuternder Bericht zum Vorentwurf CanPG
[3] BAG: Neues Cannabisproduktegesetz (abgerufen am 24.04.2026)
[4] SRF (2025): Cannabislegalisierung: Der nächste Schritt ist getan (abgerufen am 24.04.2026)
[5] BAG (2016): Untersuchung von Cannabis auf Streckmittel, Verschnittstoffe, Pestizide, mikrobiologische und anorganische Kontaminationen
[6] drugcom (2013): Pestizide in Cannabis (abgerufen am 24.04.2026)
[7] wikipedia (2025): Tabakrauch (abgerufen am 27.04.2026)
[8] chemie: Tabakrauch (abgerufen am 27.04.2026)
[10] Tabakprodukterichtlinie 2014/40/EU
[11] BLV (2026): Pflanzenschutzmittelverzeichnis (abgerufen am 24.04.2026)
[12] Oekotoxzentrum (2016): EQS – Vorschlag des Oekotoxzentrums für Propamocarb/Propamocarb Hydrochlorid
[13] Tschuy (2022): Bienenvergiftungen 2021
[14] BLV (2019): Wirkstoff Dimethoat: Auch in EU nicht mehr genehmigt (abgerufen am 24.04.2026)
[15] lernhelfer: die Halogene (abgerufen am 27.04.2026)
[16] Dürr Group (2012): Komplexe Aufgaben bei der Verbrennung von flüssigen und gasförmigen Rückständen (abgerufen am 27.04.2026)
[17] Redlich et al. (2023): Verletzung durch Inhalation reizender Gase (abgerufen am 30.04.2026)
[18] Schöffel (2026): Welche Flammschutzmittel sind giftig und gesundheitsschädlich? (abgerufen am 30.04.2026)
[19] wikipedia (2026): Deltamehtrin (abgerufen am 27.04.2026)
[20] wikipedia (2026): Cypermehtrin (abgerufen am 27.04.2026)
[21] BLV (2026): Pflanzenschutzmittelverzeichnis: Aligator
[22] Basel-Stadt (2025): Medienmitteilung Cannabisstudie «Weed Care»: Positive Bilanz nach zwei Jahren
[23] SRF (2022): Bio-Richtlinie verhindert legalen Cannabis-Verkauf
[24] Loffredo et al. (2020): Single and combined use of Cannabis sativa L. and carbon-rich materials for the removal of pesticides and endocrine-disrupting chemicals from water and soil
[25] Placido et al (2022): Potential of Industrial Hemp for Phytoremediation of Heavy Metals
