Tödliche Nebenwirkungen: Rattengift belastet unsere Greifvögel und Fische

Eigentlich sollte es nur Ratten und Mäuse treffen. Und doch tragen 92 % der untersuchten Greifvögel in der Schweiz Rodentizide in sich. Auch Fische sind betroffen. Eine beunruhigende Zahl, wo es doch auch anders ginge.

Ein fliegender Mäusebussard (Greifvogel) am Himmel. Die erbeutete Feldmaus zwischen seinen Fängen könnte mit Rattengift belastet und deswegen leichtere Beute gewesen sein.
Abbildung 1: Mäusebussarde erbeuten häufig Feldmäuse. Sie können so sekundäre Vergiftungen durch antikoagulante Rodentizide erlangen. Bild @ Stephan Sprinz

Das Wichtigste in Kürze:

  • Die zur Ratten- und Mäusebekämpfung verwendeten antikoagulanten (sprich: die Blutgerinnung hemmenden) Rodentizide töten verzögert.
  • Werden die Nager von Raubtieren gefressen, gelangen die Gifte in die Nahrungskette.
  • Eine aktuelle Studie fand Rückstände in 92 % der untersuchten Greifvögeln.
  • Auch unterhalb der Todesschwelle beeinträchtigen die Gifte Fitness und Fortpflanzung.
  • Durch die Verwendung in der Kanalisation sind auch Gewässer und Wassertiere (insbesondere Raubfische) betroffen.
  • In der Schweiz gilt zwar seit 2025 ein weitgehendes Verbot für den Verkauf an Private – für professionelle Anwender:innen gilt dieses jedoch nicht.
  • Der Giftverbrauch ist hoch und vielerorts wird noch immer permanent beködert – obwohl eine weitgehend giftfreie Bekämpfung von Nagern möglich ist, wie die Stadt Zürich zeigt.

Antikoagulanzien – eine (schlechte) Lösung, die neue Probleme schafft

Im besiedelten Gebieten höchst unbeliebt: Ratten. Sie können Krankheiten und Parasiten übertragen, Räume und Lebensmittel verunreinigen und durch ihren Nagetrieb Isolationen und andere Gebäudeteile beschädigen.[1] Nüchtern betrachtet ist das Risiko allerdings sehr gering. So konnten wir über die letzten fünf Jahre keinen Fall einer Ansteckung von Menschen in der Schweiz durch eine Ratte finden. Ebenso wenig eine Gebäudeschädigung. Demgegenüber traten in diesem Zeitraum beispielsweise rund 40‘000 Fälle von Lyme-Borreliose und Gehirnentzündung FSME auf, die durch Zecken übertragen werden.[2]

Nager vermehren sie sich schnell, was ihre Bekämpfung erschwert. Um Ratten- oder Mäusepopulationen in Schach zu halten, greifen Menschen seit jeher in den Giftschrank; früher zu Arsen und Strychnin; heute zu speziellen Nagergiften – sogenannte Rodentizide. Durch ihre Wirkungsweise (siehe Box) sterben vergiftete Individuen erst nach einigen Tagen. Nach Aufnahme des Giftes und vor ihrem Tod präsentieren sie sich oft als leichte Beute für Fressfeinde. Mit dem Verzehr der Beute nehmen diese das Gift auf. Bei wiederholter Aufnahme akkumuliert sich das Gift in der Leber.[3] In Ländern wie Deutschland, wo die „befallsunabhängige Dauerbeköderung“ übliche Praxis ist (aktuell in Diskussion und allenfalls im Umbruch), treten vermehrt tote Füchse oder Greifvögel auf.[4]

Langsames Verbluten durch Antikoagulanzien  

Antikoagulante Rodentizide, von denen in der Schweiz aktuell noch acht Wirkstoffe zugelassen sind, werden in zwei Kategorien unterteilt:[5]

Gifte der 1. Generation: Vermögen die Nager erst nach mehrmaligem Kontakt zu töten.

Gifte der 2. Generation: Heute am meisten genutzte Gifte (etwa Brodifacoum, Difenacoum), von denen eine einmalige Aufnahme reicht, um Zielorganismen zu töten.

Die Wirkweise ist bei beiden gleich. Vitamin K sichert die Blutgerinnung und den Verschluss von Wunden bei inneren oder äusseren Verletzungen. Es wird im Körper –  als Besonderheit unter den Vitaminen –  in einem Zyklus verbraucht und regeneriert. Antikoagulanzien sind strukturell ähnlich zu Vitamin K und binden an seiner Stelle an Enzyme im Regenerationszyklus. Dies mindert die Neubildung von Vitamin K. Durch Vitamin K-Mangel wird die Blutgerinnung gehemmt. Nach einer mehrtägigen Schwächephase sterben die vergifteten Tiere an inneren oder äusseren Blutungen.[3]

Da alle Wirbeltiere dasselbe Blutgerinnungssystem haben, sind Antikoagulanzien für alle Säugetiere hochtoxisch. Das Problem wird noch verstärkt durch die schlechte Abbaubarkeit in der Umwelt (Persistenz) und Anreicherung im Organismus (Bioakkumulation), vor allem in der Leber.[5]

Besorgniserregende Hintergrundbelastung von Greifvögeln und Fischen

Es gibt zwei Wege, wie Rodentizide neben den Zielorganismen weitere Tiere in Mitleidenschaft ziehen: Erstens durch die direkte Aufnahme von giftigen Ködern und zweitens durch vergiftete Beute. Ersteres betrifft hauptsächlich kleinere Tiere, wie Hasen oder Eichhörnchen. Sekundärvergiftungen hingegen treten bei Raubtieren (Füchse, Marder, Igel, Greifvögel, Eulen) auf.[3] Für sie reichen die in den Nagern enthaltenen Mengen an Antikoagulanzien zwar selten aus, um direkt zum Vergiftungstod zu führen, aber schon kleinere Verletzungen oder Stösse können eine lebensgefährliche Blutung auslösen.

Hinzu kommt das Risiko der Bioakkumulation: Vögel, die sich regelmässig von Aas oder Beute mit Zugang zu giftigen Ködern ernähren, können das Gift über längere Zeit anreichern und höhere Konzentrationen erreichen.[6] So fand die neueste Studie zu Antikoagulanzien in Schweizer Greifvögeln messbare Rückstände in 92 % der 103 untersuchten Vogellebern. Eine Vergiftung durch Antikoagulanzien ist zwar nur bei 4 Greifvögeln die vermutete Todesursache, doch die Ergebnisse bleiben besorgniserregend. Die Hintergrundbelastung ist zu hoch und auch Konzentrationen unter der Tödlichkeitsschwelle können sich erheblich auf die Fitness und Fortpflanzungsfähigkeit der Tiere auswirken.[3]

Die Anreicherung entlang der Nahrungskette ist auch in Gewässern problematisch: In Deutschland wurden beispielsweise in einer Sudie mit Regenbogenforellen Konzentrationen der Rodentizide festgestellt, die zu messbaren Blutgerinnungshemmungen und vereinzelt zum Tod führten. Weitere Untersuchungen zu teils noch stärker mit Antikoagulanzien belasteten Fischottern und fischfressenden Wasservögeln weisen auf eine dauernde Belastung der Gewässer hin.[7] Ähnliches konnte auch in der Schweiz festgestellt werden: 22 von 30 untersuchten Fischleberproben enthielten messbare Rückstände von antikoagulanten Rodentiziden.[8]

Grossflächige Permanentbeköderung ist noch immer erlaubt – obwohl es anders geht

Dass in Deutschland beträchtliche Belastungen der Gewässer und der aquatischen Nahrungskette vorliegen, liegt wohl an der verbreiteten Dauerbeköderung von Kanalisationen. Gemäss einer 2022 durchgeführten Studie setzten über 80 % der befragten Kommunen antikoagulante Rodentizide zur Rattenbekämpfung im Kanalsystem ein. Über 70% wendeten die archaische Methode an, das Gift an einem Draht in den Kanal zu hängen. Besonders während Starkregenereignissen oder langen Niederschlagsperioden gelangen die Wirkstoffe so ins Abwasser und durch Kläranlagen-Vorfluter oder Starkregen-Überläufe in Gewässer.

Obwohl auf dem Markt verfügbar, wurden nur in ca. der Hälfte der Kanalisation-beködernden Kommunen Köderschutzstationen verwendet, die den Kontakt des Gifts mit Wasser weitgehend verhindern. Seit diesem Jahr sind in Deutschland Köderschutzstationen in der Kanalisation und im Uferbereich jedoch Pflicht.[9]

Ähnliches gilt in der Schweiz: Obwohl der Einsatz von Rodentiziden in der Kanalisation deutlich seltener ist, findet er statt. Auch Permanentbeköderung ist erlaubt – wenn auch nur für berufliche Verwender:innen und «nur an Orten mit hohem Potential für Reinvasion und wenn andere Bekämpfungsmethoden unzureichend waren». Für Privatpersonen werden seit April 2025 keine Zulassungen mehr für antikoagulante Rodentizide ausserhalb von Gebäuden erteilt. Der Entscheid fiel unter anderem aufgrund einer 2022 veröffentlichten Studie des Schweizer Ökotoxzentrums, die ein unakzeptables Risiko für Sekundärvergiftungen von Wildtieren aufzeigt. Darüber hinaus bestätigen mehrere Studien, dass mechanische Schlagfallen für die Bekämpfung von Mäusen im privaten Bereich bei korrekter Handhabung hinreichend wirksam sind. Jedoch sind für eine erfolgreiche Eindämmung oft auch bauliche Massnahmen notwendig.[5] Laut der Schädlingspräventionsstelle der Stadt Zürich werden bei Inspektionen aufgrund eines Rattenbefalls bei Privatgrundstücken oft defekte Regenwasserabläufe- und Fassungen als Befallsursache vorgefunden. Wie der Stadt Zürich durch ein effizientes System eine weitgehend giftfreie Rattenprävention und -Bekämpfung gelingt, ist in der Box zu lesen.  

Integriertes Rattenmanagement in Zürich

Die städtische Fachstelle Schädlingsprävention zeigt, wie integriertes Management in der Praxis aussieht: Statt grossflächig mit «Gift vorzubeugen», kontrolliert sie (schon seit 2006) 23 von wiederholtem Befall betroffene «Rattenareale» periodisch auf Spuren und bestückt Köderboxen erst mit Rodentiziden, wenn eine Aktivität festgestellt wird. Im Zentrum steht die Ursachenbekämpfung: Risiken durch defekte Abwasserleitungen, offene Dachabläufe oder überfüllte Abfallbehälter werden systematisch erfasst und behoben. Durch ein Fütterungsverbot für Wildtiere (seit 2023 im Jagdgesetz des Kantons Zürich) soll das Nahrungsangebot für die Nager verringert werden.

Die systematische Beköderung der Kanalisation wurde vor allem aufgrund des Zeitaufwandes ganz eingestellt. Sie erwies sich auch als unnötig, da in den darauffolgenden Jahren keine Zunahme der Rattenbefälle verzeichnet wurde. Stattdessen fokussierte man sich auf oberirdische Fälle. Ergebnis: Die Zahl der kontrollierten Problemareale sank von 43 (1998) auf 23 (2024), der jährliche Köderverbrauch von 150 kg auf 15 kg – bei gleichbleibend 50 bis 70 Rattenmeldungen pro Jahr. Weniger Gift erzielt also dieselbe Wirkung.[10]

Antikoagulanzien dürfen nicht die Standardlösung sein

Als Wirkstoffe, welche die europäischen Pestizid-Ausschlusskriterien «persistent, bioakkumulierend und toxisch» erfüllen, sind antikoagulante Rodentizide grundsätzlich nicht zulassungsfähig. In der Landwirtschaft sind sie seit über zehn Jahren verboten.

Die heutigen Zulassungen als sog. Biozide sind problematische Ausnahmen, die mit dem angeblichen Fehlen von Alternativen begründet werden zugelassen.[5] Es wird dabei allerdings vernachlässigt, dass Ratten weitgehend und effektiv mit anderen Massnahmen als Antikoagulanzien bekämpft werden können, wie das Beispiel der Stadt Zürich zeigt. Das entzieht dem breiten Einsatz derart gefährlicher Giftstoffe die Rechtfertigung.

Giftfreie Bekämpfung

Eine giftfreie Rattenbekämpfung setzt auf hygienische und bauliche Prävention wie namentlich die Reinigung und Sanierung der Kanalisation (Verschliessen von Zugängen) und die Minimierung von Nahrungsangeboten. Zu letzterem gehört

  • der Einsatz rattensicherer Unterflurcontainer und Abfallbehälter,
  • Grüngut-Trennung,
  • das Vermeiden der Entsorgung von Essensresten über die Toilette,
  • kein Liegenlassen von Essensabfällen und
  • keine für Ratten zugänglichen Wildtierfütterungen.

Beim Ganzen hilft eine gut geführte Datenbank mit einer Übersicht über aktuelle und historische Befalle und Meldungen. Last but not least ist die Zusammenarbeit mit der Bevölkerung wichtig, um auf neue Entwicklungen schnell reagieren zu können.[10],[11]  Das Ziel ist, menschen- und umweltschädlichen Antikoagulanzien nur punktuell und nur wenn absolut notwendig einzusetzen.

Verhütung für Mäuse?

Ein relativ neuer Wirkstoff, der diese Entwicklung unterstützen könnte, ist ein Verhütungsmittel für Mäuse und Ratten. ContraPest darf in den USA seit zehn Jahren kommerziell genutzt werden und hat dort bisher vor allem in ländlichen Regionen erfolgreich Rattenpopulationen minimiert – oft um 90 bis 95 % innerhalb eines Jahres.[12] Es ist eine süsse Flüssigkeit, die die Nager anspricht und zwei verschiedene Wirkstoffe enthält, um die Fertilität von Weibchen und Männchen temporär zu unterbinden. Nach einer 50-tägigen Exposition gegenüber ContraPest sind Mäuse bis zu 100 Tage lang unfruchtbar, obwohl der aktive Wirkstoff in den Tieren innerhalb weniger Minuten verstoffwechselt wird. Sekundäre Effekte auf Fressfeinde sind nach bisherigen Angaben selten und beschränken sich auf kurze Unfruchtbarkeit nach dem Fressen von Beute, die kürzlich ContraPest zu sich nahm.[13] Auch US-Städte haben Erfolg mit dem Verhütungsmittel.[14] In der EU durchläuft der Wirkstoff derzeit den Zulassungsprozess für Biozidprodukte.[15]

Ein guter Anfang, aber noch kein gutes Ende

Die Schweiz hat mit dem weitgehenden Verkaufsverbot von Antikoagulanzien an Private einen ersten, wichtigen Schritt getan. Doch solange professionelle Anwender:innen antikoagulante Rodentizide einsetzen dürfen, wird sich an der Belastung von Greifvögeln, Eulen, Fischen und Mäuse-fressenden Säugetieren wenig ändern. Es braucht einen konsequenten Wechsel zu einem präventiven Nagermanagement, wo Antikoagulanzien höchstens noch in drastischen Einzelfällen angewendet werden.


[1] BAFU (2025): Ratten und Mäuse

[2] Regula Ott (2024): Höheres FSME-Risiko nach Zeckenstich: So schützen Sie sich

[3] Maletz, S., Olbrich, D., and Vermeirssen, E. (2022): Anticoagulant rodenticides in Swiss birds of prey

[4] Jan Alexander Casper: Der grosse Deutsche Rattenstreit, in: Welt am Sonntag vom 26.07.2026, S. 5

[5] Gemeinsame Anmeldestelle Chemikalien (2025): Neue Zulassungsbestimmungen für Rodentizide mit Antikoagulanzien

[6] Hilal Özcan (2021): Wenn die Maus den Adler tötet: Nagetiergifte bedrohen Greifvögel

[7] Umweltbundesamt (2025): Rattengift schädigt Fische und reichert sich in der Umwelt an

[8] Riegraf, C., Olbrich, D., and Vermeirssen, E. (2022): Anticoagulant rodenticides – Swiss situation analysis

[9] Regnery, J., Reifferscheid, G., Schmieg, H., Schrader, H., & Schwaiger, J. (2025): Erforschung der Auswirkungen von antikoagulanten Rodentiziden auf die aquatische Umwelt

[10] Marcus Schmidt, Gabi Müller (2024): Rattenmanagement in der Stadt Zürich – früher und heute

[11] Umweltbundesamt (2023): Kampagne für ein nachhaltiges Ratten-Management (KaRMa)

[12] Agrinews (2022): ContraPest continues rat control success

[13] Wikipedia (2025): ContraPest

[14] Lisa Abend (2023): Rat Infestations Are a Global Problem. Is Birth Control the Solution?

[15] Tobias Arnold (2025): Rattenplage in Dortmund: Stadt soll auf „New-Yorker-Methode“ setzen

Wir schreiben selbstständig. Der Verein ohneGift verzichtet auf den Einsatz künstlicher Intelligenz (KI) beim Verfassen von Texten.

Newsletter

Bleib informiert über aktuelle Themen

Sie können sich jederzeit wieder abmelden.