Beruhigung berechtigt?

Das Totalherbizid Glyphosat ist das am häufigsten verwendete Pestizid, sowohl in der Schweiz- wie auch weltweit. Aktuell sind bei uns rund 70 Glyphosat-Produkte zugelassen. Um ein mögliches Gesundheitsrisiko abzuklären, beauftragte der Bundesrat das Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV), einen Bericht über die Auswirkungen von Glyphosat zu erstellen. Die Ergebnisse sind nur vorderhand beruhigend.
Mai 20, 2020
Fausta Borsani

Im Rahmen dieser Studie wurden 243 Lebensmittelproben aus der Schweiz untersucht, unter anderem Getreideprodukte und Hülsenfrüchte. Interessanterweise wurden alle Proben von Wein, Fruchtsaft und fast alle Proben von Honig positiv auf Glyphosat getestet. In 80% der Frühstückszerealien fanden die Wissenschaftlerinnen Rückstände von bis zu 0.291 Milligramm pro Kilogramm. Und bei Hülsenfrüchten fanden sie sogar Höchstwerte von 2.948 Milligramm pro Kilogramm Produkt.

Behördliche Beruhigung
Die Glyphosatrückstände in den untersuchten Lebensmitteln stellten kein Krebsrisiko dar, so die Medienmitteilung des Bundes. Aus gesundheitlicher Sicht bestehe somit kein Handlungsbedarf. Dieser Einschätzung liegt ein besonderer Kennwert zugrunde, der sogenannte «ADI»-Wert (erlaubte Tagesdosis, englisch «Acceptable Daily Intake») Der ADI bezeichnet die Dosis einer Substanz, zum Beispiel eines Pestizids, die ein Mensch täglich ohne Bedenken (mit-)essen kann. Der ADI von Glyphosat beträgt 0.5 Milligramm pro Kilogramm Körpergewicht. Also für einen Menschen mit 60 Kilogramm Körpergewicht 30 Milligramm pro Tag. Dafür müsste der betreffende Mensch mehr als hundert Kilo Frühstückzerealien oder mehr als zehn Kilo Hülsenfrüchte täglich essen, um gefährdet zu sein. Nicht vorstellbar, oder?

ADI für Glyphosat ist 10 bis 100 höher als für krebserregende Pestizide
Die Festlegung des ADI-Wertes basiert auf der Annahme, Glyphosat sei nicht krebserregend , entsprechend der derzeitigen Einschätzung der Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA). Demgegenüber haben Pestizidwirkstoffe, die möglicherweise Krebs verursachen können (davon sind in der Schweiz mehrere Dutzend zugelassen), einen viel, viel tieferen ADI-Wert: z.B. 0.015 Milligramm pro Kilogramm Körpergewicht beim kürzlich verbotenen Fungizid Chlorothalonil oder sogar 0.007 Milligramm pro Kilogramm beim nach wie vor zulässigen Herbizid Diuron. Die derzeitige Tagedosis für Glyphosat liegt damit rund 10 bis 100 Mal höher als die Dosis  der  als krebserregend eingestuften Pestizide.

Oder vielleicht doch krebserregend?
Über die Frage, ob Glyphosat Krebs erzeugen oder fördern kann, hat sich eine intensive öffentliche und wissenschaftliche Debatte entwickelt. Anlass dafür war die Bewertung als «wahrscheinlich krebserzeugend für den Menschen» durch die Internationale Agentur für Krebsforschung (IARC). Auch andere wichtige Instanzen zweifeln die Einschätzung der EFSA an –  mit guten Argumenten, zum Beispiel mit erhöhten Krebsraten unter den 6’000 Einwohnern in dem Dorf Ituzaingó Anexo bei Córdoba. Hier wurde 41-mal so viel Krebs diagnostiziert wie im argentinischen Durchschnitt. Weil das Dorf in der Nähe von Feldern liegt, die aus der Luft mit Pestiziden behandelt werden, vermuten Anwohner und Umweltgruppen die Ursache unter anderem bei Glyphosat.

250 Gramm Hülsenfrüchte reichen
Wenn Glyphosat als kanzerogen eingestuft würde, hätte es einen tieferen ADI-Wert. In diesem Fall könnte bezogen auf die Ergebnisse der vom BLV beauftragten Studie durchaus ein Krebsrisiko bestehen. Wenn zum Beispiel der ADI wie beim Insektizid Thiacloprid bei 0.01 Milligram pro Kilo Lebensmittel läge, würde der erlaubte Tageswert für eine 60 Kilogramm schwere Person (0.6 Milligramm) bereits mit dem Konsum von 250 Gramm Hülsenfrüchten erreicht. Unmöglich scheint es nicht.

Zugegeben: Dies alles ist noch nicht spektakulär. Dennoch zeigt es, wie salopp der Schutz der Gesundheit durch Umweltgifte gehandhabt wird. Im Sinne des Vorsorgeprinzips würde es dem BLV gut anstehen, etwas über den Tellerrand hinauszuschauen – gerade bei einer solch enormen Verbreitung des Giftes, wie bei Glyphosat.