Plastik in der Plazenta - Cyborg-Babys?

Erstmals wurden Mikroplastik-Partikel in der Plazenta von Schwangeren nachgewiesen. Wahrscheinlich wurden sie von den Müttern gegessen, getrunken oder eingeatmet. Die gesundheitlichen Auswirkungen sind noch unbekannt. Die Partikel könnten langfristige Schäden verursachen, etwa das Immunsystem des ungeborenen Kindes schädigen.
Dezember 30, 2020
Georg Odermatt

PET-Flaschen, Meeresfrüchte, Zahnpasta, Kosmetika, Farben, Textilien und viele andere Konsumgüter enthalten Mikroplastik-Partikel von 5 bis 10 Mikrometern Durchmesser. Das entspricht dem Zehntel eines Haares. In den Körper von schwangeren Frauen gelangen sie über den Mund oder die Nase. Dann geraten sie in die Blut- und Lymphgefässe und über diese in die Plazenta. Das zeigt eine neue italienische Studie, die in der Zeitschrift Environment International veröffentlicht wurde. Etwa ein Dutzend verschiedene Plastikpartikel-Moleküle wurden in der Plazenta von vier gesunden Frauen gefunden. Da nur ein Bruchteil jeder Plazenta untersucht wurde, liegt die tatsächliche Menge wohl einiges höher. Bei den gefundenen Partikeln handelte es sich um blau, rot, orange oder rosa eingefärbte Kunststoffe.

Schockierende Vorstellung

Ob sie von der Plazenta sogar in den Körper des ungeborenen Kindes gelangen, wurde zwar bislang nicht untersucht. Aber weil sie schon vom Magen-/Darmtrakt und der Lunge bis zur Planzenta gelangt sind, könnten sie von dort (durch die Plazentaschranke) auch in den Körper des Babys gelangen.«Dieser Gedanke ist schockierend, so als hätte man ein Cyborg-Baby, das nicht nur aus menschlichen Zellen, sondern aus einer Mischung von natürlichen und künstlichen Teilchen besteht», sagt Antonio Ragusa, Chef der Geburtshilfe und Gynäkologie am Krankenhaus San Giovanni Calibita Fatebenefratelli in Rom, der die Studie leitete.

Wirkliche Tragweite noch unbekannt

Die italienische Studie erwähnt die Tragweite des Befundes: «Aufgrund der entscheidenden Rolle der Plazenta für die Entwicklung des Fötus und als Schnittstelle mit der Aussenwelt ist das Vorhandensein von vielleicht schädlichen Kunststoffpartikeln sehr besorgniserregend». Möglich sei, dass das Mikroplastik dazu führe, dass die Babys im Bauch nicht gut wachsen.

Schweres Erbe für die Erde und die Menschheit

Die Verschmutzung durch Mikroplastik hat jeden Teil unseres Planeten erreicht, vom Gipfel des Mount Everest bis hin zu den tiefsten Ozeanen. Wir Menschen aber auch Tiere und vielleicht sogar Pflanzen nehmen die winzigen Partikel auf. Was dies für das Leben auf der Erde bedeutet, ist noch weitgehend unbekannt.

Folgende Zeichnung (hier grösser) zeigt die möglichen Eintritts- und Transportwege der Teilchen von Lunge und Magen-/Darmtrakt zur Plazenta. Quelle: Ragusa, A. et al., «Plasticenta: First evidence of microplastics in human placenta», Januar 2021.

Um in den Brustkorb zu gelangen, müssen die Teilchen allerdings kleiner sein als 10 Mikrometer (0.01 Millimeter), für die Lunge (Alveolen) gilt eine maximale Grösse von 2.5 Mikrometer.